Donnerstag, 10. September 2020

Keine Noten sind auch keine Lösung

Eine Podiumsdiskussion und eine mündliche Prüfung, so mussten die Studierenden ihre Führungs- und Kommunikationskompetenzen nachweisen.

Jawohl, ich habe Kompetenzen geprüft! Vor ein paar Jahren in Luzern im Rahmen der schulinternen Trainingsprüfung für die eidgenössische Fachausweisprüfung "Führungsfachleute" nahmen ein Kollege, eine Kollegin und ich, mit Hilfe eines Beurteilungsbogens die entsprechenden Prüfungen ab.

Prüfungen und Noten in der Kritik

In sozialen Medien haben Bewertungen im Allgemeinen, (wissensorientierte Einzel-)Prüfungen im Besonderen und vor allem Noten einen schlechten Ruf. Sie gelten als veraltet, nicht aussagekräftig und die Ursache für zögerliche Schulentwicklung.

Es wird die These vertreten, dass Prüfungen und Noten die Ursache für abnehmende Schul- bzw. Lernbegeisterung der Kinder im Laufe ihrer Schulzeit seien. Sogar der Lehrpersonenmangel wird teilweise so begründet. Es ist die Rede von einer "Prüfungskultur", welche durch eine "Vertrauenskultur" ersetzt werden soll. Gerne wir auch von einer "Kultur der Digitalität" geredet. Der Zusammenhang ist unklar.
 
Leider wird bei Kritiker*innen von Noten und Prüfungen nicht immer ganz klar, was sie genau ändern wollen. Sind es die Einzelarbeitsbewertungen, oder die Prüfungen, oder die Noten, oder die damit verbundene Selektion, oder alles zusammen?

Die Professoren Silvia-Iris Beutel und Hans Anand Pant bspw. nennen ihr kürzlich erschienenes Buch zwar "Lernen ohne Noten", werden aber nicht müde zu betonen, dass dies nicht eine Abkehr von Leistung sei. Sie geben eine Vielzahl von Tipps, wie man jenseits von Prüfungen und Noten bewerten kann. Warum sie die engen Bewertungsraster, die sie vorschlagen nicht auch noch in Punkte und schliesslich Noten umrechnen wollen, erstaunt. Empirie kann es nicht sein, denn Beutel/Pant geben einen Überblick über empirische Studien zur Wirksamkeit von Noten. Die Resultate sind ambivalent, was nicht wirklich überraschend ist.

Die radikale Position: Schule als Hobby

Die radikalen Stimmen, wollen nicht nur Noten und Prüfungen abschaffen, sie lehnen eigentlich alle Bewertungsformate ab. Sie wollen höchstens, dass in einem persönlichen Kompetenzportfolio oder in einem persönlichen Lernbericht Rückmeldung über individuelle Fortschritte, Stärken und (in homöopatischen Dosen) Schwächen und Rückschritte thematisiert werden. Selbstverständlich will diese "radikale Fraktion" daraus keinerlei Selektion ableiten. Die dreigliedrige Oberstufe wird durch eine Gemeinschaftsschule ersetzt. Am Ende steht "Matura für alle" oder noch besser "Doktorhut für alle".
Warum diese Vorstellung wahrscheinlich nicht sinnvoll ist, habe ich hier oder auch hier aufgezeigt.

Diese Fraktion erinnert an eine Sekte. Beunruhigend ist, dass sie nicht nur in sozialen Medien gut vernetzt ist, die "Sekten-Mitglieder" haben häufig Lehraufträge an pädagogischen Hochschulen und/oder lukrative Aufträge in der Bildungsberatung. Manchmal wollen sie auch nur Werbung für ihre Privatschule machen, was legitim ist, aber entsprechend gekennzeichnet sein sollte.

Die moderate Position: Bewertung ja, Noten nein

Die moderateren "Notenabschaffer*innen", wie beispielsweise Beutel/Pant wollen weiterhin Bewertung zulassen. Sie befürworten im Grundsatz auch, dass Schule Leistung einfordern soll. Sie glauben aber, dass Prüfungen und Noten diese Leistung nicht adäquat misst und somit Chancengleichheit reduziert wird. Diese Kritik verdient eine genauere Betrachtung. Das erwähnte Buch von Beutel/Pant ist durchaus zu empfehlen.

Vier Kritikpunkte härt man am häufigsten:

Einzelarbeitsbewertungen sind unzeitgemäss - heute arbeitet man im Team

Wenn Team heisst: "Toll ein anderer machts", dann ist die Kritik berechtigt. Ansonsten ist es so, dass auch in Projektteams jedes Mitglied seine Aufgabenbereiche hat, für welche er/sie zuständig ist. Wer immer auf den anderen hoffen muss, ist nicht zu gebrauchen. Wenn Einzelarbeitsbewertungen mit Verweis auf Teamarbeit als unzeitgemäss kritisiert werden, zeugt dies von wenig Sachverstand.

Ferner werden Gruppenprüfungen bzw. Gruppennoten in Schulen schon lange gemacht, führen aber regelmässig zu Streit, weil es in jeder Gruppe Trittbrettfahrer gibt. In der Wirtschaft könnte man diese Leute entlassen, in der Schule besteht diese Möglichkeit nicht.

Einzelbewertungen sind deshalb tendenziell fairer und sinnvoller. Gruppenbewertungen können eine Ergänzung sein.

Prüfungen prüfen nur Wissen und keine Kompetenzen und Haltungen

Abgesehen davon, dass die Fachkompetenz ein zentraler Bestandteil der Handlungskompetenz ist, und Wissen eine (allerdings nicht notwendige) Voraussetzung für weitere Kompetenzen ist (man kann Kommunikationskompetenzen haben ohne Wissen, dies ist dann der Blender - in sozialen Medien oft zu beobachten), könnten Prüfungen prinzipiell auch Kompetenzen testen.

Statt die zu erreichenden Punkte, könnte man bei jeder Aufgabe hinschreiben, welche Kompetenzen nachzuweisen sind. Dies brächte einen erheblichen Mehraufwand. Man müsste mit einem Bewertungsraster aufzeigen, ob eine Kompetenz oder allenfalls Haltung nachgewiesen ist. Nur so, kann sichergestellt werden, dass eine selektionierende Bewertung Rekurs sicher ist.

Ich selbst hatte, wie gesagt, solche Prüfungen abgenommen. Der Aufwand ist horrend. Es stellt sich die Frage, wer diesen Mehraufwand bezahlt, und ob das Resultat wirklich anders ist, als wenn herkömmlich Punkte verteilt werden, die schliesslich in Noten umgerechnet werden. Dies darf bezweifelt werden.

Da weiterhin einzelne Lehrpersonen die Prüfungen aufstellen, gäbe es kaum eine Angleichung der unterschiedlichen Ansprüche der einzelnen Lehrpersonen an ihre Lernenden. Dazu bräuchte es bei der Prüfungserstellung mehr Kooperation zwischen den Lehrpersonen - unabhängig, ob Punkte vergeben oder Kompetenzen nachgewiesen werden sollen. Bspw. an Berufsschulen werden zentrale Schlussprüfungen durchgeführt. Dies hat Vor- aber auch Nachteile. Die Sinnhaftigkeit von zentralen Prüfungen, geschrieben durch Drittpersonen ist ein Thema für sich.

Schliesslich sind solche umfassende Bewertungen nicht nur für die Prüfenden anspruchsvoll, sie sind wohl auch für die Geprüften eher belastender und stressiger als herkömmliche Prüfungen.

Es braucht andere Bewertungsformate als nur Prüfungen

Vorträge, Aufsätze, Berichte, Podiumsdiskussionen, Filme und andere Lernprodukte als Bewertungsformate gibt es bereits. Diese Formate sind typischerweise aber für alle Beteiligten sehr aufwändig und Zeit intensiv. Wiederum stellt sich die Frage, nach der Entschädigung (zumindest für die Lehrperson), nach der Rekurssicherheit, und ob die Resultate wirklich wesentlich anders sind als bei herkömmlichen Prüfungen. Dies darf wiederum bezweifelt werden. Wiederum gleichen sich die Ansprüche der einzelnen Lehrpersonen an die Lernenden nicht an. Dazu bräuchte es wiederum mehr Kooperation zwischen den Lehrpersonen. Wiederum stellt sich die Frage nach der Entschädigung für diesen Mehraufwand, der wahrscheinlich nicht wesentlich andere Ergebnisse liefert.

Da die Vorbereitung und Ausgestaltung von Lernprodukten oft zu Hause stattfindet, stellt sich ferner die Frage nach der Chancengleichheit. Dasselbe gilt für die Betreuung bzw. Begleitung eines Lernprodukts durch die Lehrperson oder moderner: Lernbegleiter*in. Es besteht die Gefahr, dass am Ende die Arbeit der Lehrperson oder die der Eltern, nicht aber die des Lernenden bewertet wird. Der Chancengleichheit ist dies nicht förderlich.

Lernberichte und Kompetenzportfolios sind aussagekräftiger als Noten

Das hängt von der Korrektur und der Qualität der - den Noten zugrunde liegenden - Bewertungsformate ab. Berichte und Portfolios bringen aber eine Erweiterung. Somit ist es tatsächlich sinnvoll, wenn in Ergänzung zu Noten ein (überfachliches) Kompetenzportfolio mit schulischen und ausserschulischen Aktivitäten, erworbenen Kompetenzen, Haltungen etc. erstellt wird. Kompetenzportfolios sind deshalb nicht eigentlich aussagekräftiger als Noten, weil es zwei völlig verschiedene Dinge sind.
Ein solche Portfolio könnte sogar bei einer Bewerbung um eine Stelle oder einen Studienplatz gezeigt werden und wäre wohl aussagekräftiger als ein herkömmlicher tabellarischer Lebenslauf oder ein Arbeitszeugnis.

Lernberichte sind vor allem im ersten und allenfalls im zweiten und dritten Zyklus sinnvoll und geben Kindern und Eltern eine gute Rückmeldung. Sie können auch motivierender abgefasst werden als Noten, weshalb sie vor allem im ersten Zyklus (Kindergarten, 1.-3. Klasse) Noten eindeutig vorzuziehen sind. In diesem Alter sind die Entwicklungsunterschiede der Kinder enorm. Vergleichende oder gar selektionierende Prüfungen sind da tatsächlich nicht sachgerecht. Das Erstellen solcher Lernberichte ist arbeitsintensiv. Wiederum stellt sich die Frage nach der Entschädigung dieser Mehrarbeit.

Für Selektion am Ende der sechsten Klasse (Ende zweiter Zyklus) oder bei Entscheidungen über weiterführenden Schulen/Ausbildungen am Ende des dritten Zyklus, eignen sie sich weniger. Einen Lernbericht so abzufassen, dass er Rekurs sicher ist, dürfte schwierig und aufwändig sein. Einige Kantone sind deshalb auch wieder zu Noten zurückgekehrt.

Allenfalls sind Lernberichte als Ergänzung sinnvoll. Wiederum stellt sich einerseits die Frage nach der Entschädigung dieser Mehrarbeit, und anderseits, ob die Resultate wirklich so anders wären. Dies darf bezweifelt werden, da Noten ja das Ergebnis einer Vielzahl von Prüfungen und anderer Leistungsnachweise sind.
Sogar eine Angleichung der Ansprüche der einzelnen Lehrpersonen an die Lernenden, ist wiederum nicht zu erwarten. Es ist aufgrund der Subjektivität sogar eine grössere Unterschiedlichkeit zu befürchten, was wiederum Rekurs anfällig ist.

Noten können motivieren und leider auch demotivieren

Irgendwann im Laufe des zweiten Zyklus hören die meisten Kinder auf zu lernen, weil sie der Lehrperson gefallen wollen. Sie Lernen dann entweder aus Interesse an der Sache oder für eine gute Note. Dass Menschen auf extrinsische Anreize reagieren ist völlig normal. Warum dies im schulischen Umfeld kritisiert wird, ist irritierend.

Schwächere Kinder beginnen meist in dieser Phase mit Schulverdrossenheit, weil sie sich ausser Stande sehen, gute Noten zu erreichen. Dieses Problem ist real und das qualifizierteste Argument gegen Noten in der Schule. Hier können individuelle Lernberichte helfen, die Motivation zu erhalten.

Auch die dreigliedrige Oberstufe kann dazu führen, dass Jugendliche, die immer Mühe hatten, plötzlich zu den Besten gehören.

Übrigens: Selbst in einem völlig Noten freien, individualisierten Unterricht würden diese Kinder merken, dass sie schwächer als ihre Kolleg*innen sind. Selektion verschwindet (leider) nicht, wenn man so tut als wäre sie nicht mehr da. (In einem Sportteam gibt es keine Prüfungen und Noten für die Spieler. Trotzdem weiss schon nach wenigen Trainings jeder im Team, wer stärker und wer schwächer ist).

Meines Erachtens am schlechtesten wäre es, wenn die "stärkeren" Oberstufenzüge (Bez./Sek A etc.) Noten hätten, die "schwächeren" Züge (Real, Sek B etc.) dagegen nicht. Das Signal an die "schwächeren" Züge wäre verheerenden. Sie würden zu "Restschulen" degradiert, "in denen es nicht mal mehr Noten gibt".

Durchlässigkeit erhöhen

Stattdessen sollte die Politik Mittel zur Verfügung stellen, dass die "schwächeren" Züge ebenfalls attraktive Schulen sind, bspw. durch ein generell durchlässiges System. In vielen handwerklich-technischen Berufen ist Mathematik wichtig. Hier wäre bspw. denkbar, dass Sek. B-Lernende die Mathematik in der Sek. A besuchen können. Solche Modell gibt es bspw. im Kanton Bern bereits. Weiter müssen das duale System und die berufliche Weiterbildung gefördert werden, weil diese auch schwächeren Lernenden gute berufliche Perspektiven eröffnen.

Auf der Sek II/Tertiär Stufe sind Lernberichte im Normalfall unnötig. In diesem Alter haben die Jugendlichen/Erwachsenen ihre Interessen weitgehend entwickelt. Noten bilden einen extrinsischen Anreiz, der nicht selten als eine Art Lohn für die eigene Leitung betrachtet wird. Das kann man bedauern, wirklich ein Problem ist es nicht.

Fazit

Wenn Schule weiterhin selektionierend sein soll, gibt es wenig Gründe, auf höherer Stufe Noten durch Lernberichte oder Kompetenzportfolios zu ersetzen. Die Resultate wären wohl weitgehend dieselben, aber viel aufwändiger.
Lernberichte bei den Jüngeren und Kompetenzportfolios bei den Älteren können aber eine sinnvolle Ergänzung sein. Der Mehraufwand ist zu entschädigen.
Weiter ist zu beachten, wie Noten zustande kommen. Schriftliche Prüfungen - abhängig vom Fach - sind weiterhin wichtig, sie sollten aber einerseits qualitativ stark sein und anderseits sollten Noten - wiederum abhängig vom Fach - durch weitere Leistungsnachweise ergänzt werden. Hier, mehr zu "zeitgemässem Lernen".

Völlig abzulehnen ist eine angeblich "zeitgemässe Bildung", die Noten, Prüfungen und alle anderen Bewertungen, abschaffen und durch thematische Beliebigkeit und Unverbindlichkeit ersetzen will.

Beutel/Pant, "Lernen ohne Noten", Kohlhammer Verlag 2019.

Freitag, 3. Juli 2020

Drei Wochen Präsenzunterricht unter Corona-Bedingungen

"Sie können selbst entscheiden, welche Unterlagen Sie nächste Woche mitnehmen und an welchen Themen Sie arbeiten wollen. Ich bin einfach hier für individuelle Fragen." Diesen Satz sagte ich in den letzten drei Wochen vor den Sommerferien, als der Präsenzunterricht an unserer Schule wieder aufgenommen wurde, mehrfach. Denn es waren in mehrfacher Hinsicht keine "normalen" drei Wochen.

Nachdem die Schweizer Regierung beschlossen hatte, dass Schulen der Sekundarstufe 2 ab dem 8. Juni 2020 unter Einhaltung eines Corona-Schutzkonzeptes wieder öffnen durften, erstellten wir ein entsprechendes Schutzkonzept. 

Da die Schule auf Ende Schuljahr 2019/20 per Regierungsratsbeschluss aufgrund einer Neuorganisation der Aargauer Berufsfachschulen geschlossen wird, wollten wir noch einmal Präsenzunterricht aufnehmen und nicht bis zu den Sommerferien am Fernunterricht festhalten.
Ferner ist noch nicht ganz sicher, ob nach den Sommerferien wieder "normal" unterrichtet werden kann, weshalb wir die drei Wochen Nutzen wollten, um Erfahrungen zu Unterricht unter Corona-Bedingungen zu sammeln.

Eine Klasse, zwei Zimmer

Unsere Schule hatte wegen der einjährigen "BM2 Vollzeit" viele Abschlussklassen und somit viele freie Zimmer. Wir hatten die Möglichkeit, eine Klasse auf zwei Zimmer zu verteilen. Der Unterricht fand also gleichzeitig in zwei Zimmern statt. Für die Lehrpersonen war dies eine Herausforderung. Inputs waren nur mit Simultanübertragung ins andere Zimmer möglich. Diese Variante wählte ich zwei Mal, was speziell war. Ich hatte diesbezüglich natürlich keine Erfahrung. Anfänglich gab es immer wieder Sound-Probleme (Rückkoppelungen etc.). Diese konnten mit zunehmender Erfahrung aber gelöst werden. Die Lernenden des "anderen" Zimmers stellten ihre Fragen über den Klassen-Chat.

Ansonsten musste man mit schriftlichen Arbeitsaufträgen arbeiten. Es fand also quasi Fernunterricht, mit der Möglichkeit zum direkten Fragen stellen, statt. Diese Variante wählte auch ich am häufigsten. Die Lernende konnten selbst wählen, an welchen Themen sie arbeiten wollten und ich lief jeweils einfach herum und beantwortete individuelle Fragen.
Die Lernenden mussten nicht zwingend im Zimmer sein. Aufgrund des schönen Wetters liess ich meine Klassen auch immer wieder auf dem Pausenplatz in Kleinguppen arbeiten. Dies war nicht wirklich etwas Neues. Ich arbeite viel auf diese Weise und lege dabei lange Wegstrecken zurück.

Bei einer Klasse, die nach den Sommerferien auf andere Schulen verteilt und nicht mehr bei mir sein wird, machte ich einen grösseren Schlussquiz. Dieser beinhaltete verschiedene Aufgaben, welche die Lernenden in Gruppen lösen mussten. Nebst fachlichen Fragen (bspw. Socrative) mussten sie bei einer Aufgabe eine rechtliche oder betriebswirtschaftliche Fragestellung ihrer Wahl als Rollenspiel darstellen. Dabei offenbarten einige Lernenden nicht nur fachliches, sondern auch schauspielerisches Talent.

Niemand konnte sich verschlechtern, alle wurden promoviert

Es gab noch Prüfungen, die letztlich aber freiwillig waren, da die Schweizer Regierung verordnete, dass die Noten des Frühlingssemesters nicht schlechter sein durften als die Noten des Herbstsemesters. Alle Lernenden wurden per derselben Verordnung promoviert. Somit nahmen nur noch Lernende an meinen Prüfungen teil, die die Chance auf eine Verbesserung sahen. Die anderen durften die Prüfung als Übung lösen.

So kam es, dass in den letzten drei Wochen der Schule die Lernenden individuell, meist in selbstgewählten Kleingruppen ohne Prüfungs- und Notendruck zur Schule kamen und sich vor allem freuten, dass sie wieder ihre Kolleginnen und Kollegen sahen.

Es wehte wahrhaftig ein Hauch von Montessori und Steiner durch die heiligen Hallen des KV Lenzburg Reinach.

Samstag, 6. Juni 2020

Am Montag startet wieder Präsenzunterricht - und das ist gut so.

Am Montag startet wieder Präsenzunterricht nach zehn Wochen Fernlernen - und das ist gut so. Die Mails häufen sich, von Lernenden, die schreiben, sie hätten den Überblick verloren, sie seien nicht mehr sicher, welche Aufträge sie zu erledigen hätten und was noch alles zu tun sei. 

Weiter werden elektronische Lernaufträge nicht mehr so vollständig gemacht, wie zu Beginn. Teilweise hängt dies auch damit zusammen, dass sich das Schuljahr dem Ende zu neigt und die Lernenden wissen, dass es keine Promotion gibt, sie also das Semester bestanden haben. Die diversen Ausfälle in Folge von Feiertagen tragen ebenfalls nicht dazu bei die Leistung und die Motivation hoch zu halten.

Doch hauptsächlich ist es einfach mühsamer für eine Frage eine Mitteilung zu schreiben, als in einer Präsenzlektion kurz zu fragen. Der Reiz des Technischen ist verflogen. Lernende und Lehrende sehen auch die Nachteile von Fernkursen und schätzen (wieder) die Vorteile der Präsenz.

Zusätzlich sind die Lernenden an drei bis vier Tagen in einem Betrieb beschäftigt und die Phase des Arbeitens im Home-Office statt im Büro, ist auch langsam am Abnehmen. So ist es nicht verwunderlich, dass die Schule in den Hintergrund rückt.

Der Präsenzunterricht wird nicht im herkömmlichen Sinne stattfinden können. Corona bedingt wird eine Lektion gleichzeitig in zwei Zimmern stattfinden müssen. Weiter müssen die Lernenden möglichst auf ihrem Platz bleiben. Bei schönem Wetter darf allerdings auf den Bänken auf dem Pausenplatz gearbeitet werden. Trotz des aufwändigen Schutzkonzeptes der Schule, bleibt ein gewisses Ansteckungsrisiko, was die Freude auf den Wiederbeginn schmälert.

Deshalb wird weiterhin weitgehend im Selbststudium gearbeitet werden müssen. Wobei es technisch möglich ist, einen frontalen Input in das andere Zimmer simultan zu übertragen, wie ich getestet habe. Dies führte zur Frage, ob man nicht weiterhin von zu Hause aus arbeiten könne, um sich den langen Anfahrtsweg zu sparen.

Gerade im Sek II - Bereich und bei den Erwachsenen dürften mittelfristig hybride Modelle, wie sie vermehrt diskutiert werden und von mir hier diskutiert, nicht zu letzt aus Pendlerfreundlichkeitsgründen an Bedeutung beginnen. Präsenzunterricht dürfte aber auch in diesem "Segment" zentral bleiben. Allenfalls werden Inputs vermehrt statt in der Lektion als Lektionsvorbereitung per Video gehalten, womit die Effektivität einer Lektion möglicherweise erhöht werden könnte.

Und schliesslich ist es positiv zu werten, dass die Lernenden wieder gerne zur Schule kommen. So wie jener Lernende, der mir diese Woche in einer Mail schrieb: "Ich freue mich auf die Schule."



Sonntag, 24. Mai 2020

Sei kreativ! - Warum mich diese Forderung bis heute zum Lächeln bringt

"Das hört man manchmal, der Trainer ruft einem Spieler zu "sei kreativ!" Aber was ist damit gemeint? Jetzt wird der sich zehn Minuten überlegen, was gemeint sein könnte, statt Tore zu werfen." (Arno Ehret)

Es war in meinem ersten Weiterbildungskurs als Handballtrainer als der damalige Schweizer Nationaltrainer und Weltmeister von 1978, Arno Ehret (3 Tore im Final: BRD - UdSSR 20:19), dies erklärte. Und tatsächlich konnte ich in den folgenden Jahren immer wieder lächelnd hören, wie Trainer diese unbrauchbare Anweisung gaben. 

Kompetenzen wie Kreativität sind kein Selbstzweck

Kreativität ist eine sinnvolle Kompetenz, weshalb die Förderung ihrer Beherrschung auch im schulischen Umfeld oft gefordert wird.

Abgesehen davon, dass das Üben dieser Kompetenz, gleich wie bspw. Kommunikation in diversen Fächern, wie bspw. Sport, Musik oder auch Fremdsprachen der Normalfall ist,
Abgesehen davon, dass man diese Kompetenzen (aber auch Problemlösungstechniken oder Projekte) in Sportvereinen, Pfadilagern, Musik- und Theatervereinen "in echt" üben kann, was ist damit gemeint?

Kreativitäts- (oder auch Kommunikationstechniken) können nicht gemeint sein, denn dass wäre nun wirklich nichts Besonderes. Um diese zu erlernen, gibt es Lehrbücher. In Schulen und Kursen werden Sie gelehrt und gelernt. Bekannt ist bspw. die Siebensprung-Methode zur Problemlösung, in der Schweiz berühmt geworden als "the seven-thinking-steps".
Ferner ist es so, dass Vereine, in welchen Kreativität oder Kommunikation aber auch Kooperation und kritisches Denken eigentlich ideal geübt werden könnten, zunehmenden Mühe haben, Freiwillige zu finden. Ob die abnehmende Bereitschaft zu Ehrenamtlichkeit und Verbindlichkeit eine Folge von Schnelllebigkeit und Oberflächlichkeit ist, was gerade auch durch neuen Medien begünstigt wird, wäre zu untersuchen. 

Manchmal wird mit Kreativität implizit gemeint, dass die Lernenden nicht bloss ihr aufgebautes Wissen (im Rahmen von Prüfungen) nachweisen müssen, sondern im Rahmen eines Lernprodukts dieses Wissen kreativ demonstrieren sollen. Zu denken ist etwa an ein Lernvideo, ein Rollenspiel, eine Podiumsdiskussion, ein Plakat oder ein Lehrbuch (bspw. Book-Creator)

Gegen Lernprodukte als Ergänzung zu klassischen Einzelprüfungen ist nicht viel einzuwenden. Bloss, dies ist nichts Neues. Und es ist definitiv "nur" eine Ergänzung. Im Zentrum schulischer Lernziele bleiben Allgemeinbildung und Orientierungswissen. Denn kreative Lösungen zu einem Problem wird nur finden, wer über fundiertes Orientierungswissen in einem Fachbereich verfügt, wie hier ausgeführt. Kreativität als Selbstzweck ist für gewöhnlich sinnlos.

Kompetenzen ergänzen Wissen und bauen darauf auf

Forderungen, dass man Lernziele durch Kompetenzen, erworben anhand beliebiger (selbstgewählter) Sachverhalte, ersetzen sollte und konsequenterweise auch gleich noch alles abschafft, was nach Prüfung, Leistung und Bewertung aussieht, sind abzulehnen. Solche Forderungen führen auch nicht zu mehr Chancengleichheit. Solche Erwartungen sind entweder naiv oder nicht zu Ende gedacht, wie mehrfach bspw. hier oder hier dargelegt.

Weiter stellt sich die Frage, ob es pädagogisch richtig (und rechtlich zulässig) ist, bspw. bei kaufmännischen Berufslernenden in Leistungsnachweisen nicht primär das kaufmännische Fachwissen, sondern die kreative Umsetzung eines Lernproduktes zu bewerten? Es hat wahrscheinlich einen Grund, weshalb jemand eine Lehre als Kaufmann/-frau und nicht als Grafiker*in gewählt hat.

Vor einiger Zeit stellte ich im Rahmen eines SOL-Projekts unter Anderem die Aufgabe, gruppenweise ein Erklärvideo zu kreieren. Die Resultate waren fachlich gut. Die Kreativität hingegen hatte noch Potenzial.
Es waren dieselben Lernenden, die ich ein halbes Jahr vorher im Rahmen des Schulsporttags habe Fussball spielen sehen. Mit diversen kreativen Tricks und Kniffs dominierten sie die Spiele und gewannen das Turnier deutlich. Ihre Kreativität war das Ergebnis von Jahre langem Vereinstraining in einem spezifischen Bereich (Fussball) und nicht einfach transferierbar.

Die These, wie man sie in sozialen Medien implizit immer wieder liesst, dass man an einem beliebigen Thema Kreativität üben und diese dann beliebig auf andere Bereiche übertragen könne, ist zumindest gewagt.

Auch Lernprodukte können langweilig werden

Manchmal werden kreative Lernprodukte - möglichst selbst gewählt, idealerweise an einem beliebigen selbstgewählten Themen - als intrinsischer Motivator gesehen. Den Kindern und Jugendlichen soll die Freude am Lernen nicht abhanden kommen. Nun, beim ersten Mal ist ein Lernvideo vielleicht wirklich ein Motivator. Beim zweiten Mal, wenn man es besser kann, vielleicht sogar noch stärker. Aber was ist, wenn plötzlich in allen Fächern, alle vier Wochen ein Lernvideo, ein Blog oder ein Buch kreiert werden muss? Die Gefahr des "sich zu Tode laufen" ist gross.

Lernprodukte und Projekte, wie sie in Schulen seit Langem üblich sind, können Sinn machen. Insbesondere, wenn sie dazu dienen, Orientierungswissen aufzubauen oder anzuwenden und nicht  einfach auf Beliebigkeit basieren. Zu solchen sinnvollen Projekten gibt es in der Zwischenzeit diverse Sammlungen bspw. TeachOz. Digitale Hilfsmittel können weitere Möglichkeiten eröffnen.

Auch eine Mischung aus Fern- und Präsenzlernen kann bei älteren Lernenden durchaus eine Variante sein, wie hier ausgeführt. Im Zentrum bleibt aber zielgerichteter, allgemeinbildender Wissensaufbau.


Sonntag, 10. Mai 2020

Übrigens: Fernlernen geht auch frontal - Erfahrungen aus weiteren Wochen Fernunterricht

"Könnten wir einen Video-Call machen, bei welchem Sie die Theorie erklären und wir Fragen stellen können?" Diese Frage stellte mir eine Lernende schon vor den Ferien. Sie war mit diesem Wunsch nicht alleine. Zwar wurde immer wieder betont, dass die Lernvideos hilfreich seien, trotzdem gab es den Wunsch nach einem geführten Input.

Gut strukturierte und aufbereitete Inputs sind eine effiziente Form des Lernens, wenn es darum geht Orientierungswissen aufzubauen. Solches Wissen ist die Voraussetzung für kritisches Denken, oder das Finden kreativer Lösungen in komplexen Problemen.

Das Lernziel ist entscheidend für das Lernsetting

Gerade Lernende, die sich gut konzentrieren können, überraschenderweise häufig aber auch die anderen, mögen Lehrvorträge. Die Lernenden können dann nicht mehr arbeiten, wann sie wollen, sondern dann, wenn der Video-Call angesetzt ist. Asynchrones Lernen gilt als Hauptstärke von Fernunterricht und wird entsprechend propagiert, während Lehrervorträge - womöglich unter Einhaltung des Stundenplans - abgelehnt werden. Die Realität ist pragmatischer.

Entscheidend ist das Ziel, welches verfolgt wird. Dieses muss im Wesentlichen Allgemeinbildung bzw. Orientierungswissen sein, wobei dies durchaus in Form eines Lernproduktes, wie bspw. eines Lernvideos, eines Lernbuchs oder eines Gruppenarbeit sein kann  (mehr dazu hier oder hier). Teilweise wird argumentiert, dass Wissen unnötig sei, weil es im Internet stehe und das globale Wissen sich alle paar Stunden verdopple. Selbst wenn dies stimmen würde, wäre dies nichts Besonderes. Schon Sokrates wusste, dass er nichts weiss.
Das Internet ist eine gute Informationsquelle, wenn man schon viel weiss. Ähnlich wie ein Französisch-Wörterbuch nur hilft, wenn man die Sprache schon gut kann. Es spielt offensichtlich eine Rolle, ob ich sage "Sie haben ein schönes Sandwich im Wohnzimmer stehen" oder ob ich sagen, "Sie haben ein schönes Canapé im Wohnzimmer stehen". Präzises Faktenwissen ist weiterhin zentral. Halbwissen und thematische Beliebigkeit reichen in einer Welt des beschleunigten Strukturwandels nicht (mehr).

Und so hielt ich in den letzten drei Wochen mehrere frontale "Lektionen", ich sitze dann jeweils am Computer, teile den Bildschirm und schreibe ähnlich einer Wandtafel auf den Bildschirm. Wenn die Lernenden Fragen haben, können sie einfach das Mikrofon öffnen und los reden. Die Lernenden stellen meist wenige Fragen, erstellen dagegen häufig Screenshots oder machen Mitschnitte, welche sie immer wieder anschauen können. Die Teilnahme an diesen Inputs war grösstenteils freiwillig. Ich kann ohnehin nicht kontrollieren, ob jemand wirklich zuhört, oder sonst etwas macht.
Hingegen frage ich nach, wenn jemand bei einer obligatorischen Aufgabe oder einem obligatorischen Call abwesend war. Nicht als Kontrolle, sondern aus Interesse und um Kontakt halten zu können. Die Abwesenden sind typischerweise nicht diejenigen, bei denen alles bestens läuft.

Schule ermöglicht Lernen

Radikale Gegner frontaler Inputs dagegen glauben gar, mit solchen Settings würde die Schule die Kinder und Jugendlichen am Lernen hindern. Lernen wird von diesen Leuten als eine mehr oder weniger intensive Auseinandersetzung mit einem beliebigen Gegenstand verstanden. Die Lehrperson macht keine Vorgaben - dies wäre autoritär - sondern unterstützt einen nicht näher definierten Lernprozess. Dieses Denken gipfelt im Satz: "Mehr lernen, weniger Schule", welchen man in sozialen Medien immer wieder liest. In Anbetracht von Millionen von Kindern, die nicht zur Schule gehen und Lernen dürfen/können, ist dieser Satz peinlich und zynisch.

Es ist in einer Demokratie legitim zu fordern, dass die digitale Transformation der öffentlichen Schule mit thematischer Beliebigkeit, einhergehen soll. Aber man soll nicht so tun, als ob Digitalisierung nur dann "echt" sei, wenn sie mit thematischer Beliebigkeit kombiniert wird (mehr dazu hier oder hier).

Berufsmatura-Prüfungen abgesagt

Ansonsten ist die anfängliche Spannung des Fernunterrichts einer gewissen Routine gewichen. Die dominierende Frage der letzten Wochen war, ob die Berufsmatura-Prüfungen abgesagt werden und wie die Promotion laufen wird. Die schulischen Schlussprüfung der Fähigkeitszeugnisse wurden schon früher abgesagt.
Der Bund und der Kanton haben ferner beschlossen, dass alle Lernenden promoviert werden und dass man sich in diesem Semester nicht verschlechtern kann.

So müssen jetzt freiwillige Prüfungen unter Corona-Bedingungen organisiert werden. Und für Lernende, die ohne Schlussprüfung, nur mit Erfahrungsnoften nicht bestehen, muss eine Schlussprüfung organisiert werden.
Daneben ist es weiterhin eine Herausforderung den Kontakt zu den Lernenden zu halten (mehr dazu hier).

Modern formuliert: "Deren Lernen, (asynchron) zu begleiten."
Denn Lernbegleitung ist durchaus sinnvoll. Abhängig von den Lernzielen.

Donnerstag, 23. April 2020

Lernvideos mit dem Handy - meine Erfahrungen


Die Idee hatte ich schon seit Längerem, weil die Schule als Folge der Corona-Pandemie geschlossen wurde, setzte ich sie jetzt um: Ich kreiere Lernvideos.

Lernvideos haben für die Lernenden den Vorteil, dass sie sie immer wieder anschauen können. Sie können dann schauen, wenn sie die nötige Konzentration haben und in Lektionen können für Übungen, Fragen, Transfers und Diskussionen verwendet werden. Es besteht die Chance auf höhere Effektivität und höhere Effizienz.

Zuerst erstellte ich ein Drehbuch. Dies ist zwar ein bisschen ein grosses Wort für eine kleine Sache. Aber eigentlich ist es das. Ich schreibe auf, was ich sagen will. Dann überlege ich an welchen Stellen ich ein Foto bspw. einer Aufzählung oder eine Erläuterung einbauen will. Da meine Filme ganz einfach sind, genügt es, wenn ich dies aufschreibe. Eine Zeichnung oder Skizze ist nicht nötig, weil ich nicht verschiedene Szenen habe.

Dann nehme ich den Film mit der Handykamera auf. Ich schaue, dass das Gesicht einiger massen ausgeleuchtet ist, keine seltsamen Schatten hat und ich nicht direkt in der Mitte, wie bei einem Fahndungsfoto, sitze. So entstehen ansehnliche Produkte.

Wenn ich alle Bestandteile des Films zusammen habe, beschrifte ich sie, damit ich sie beim Zusammenschneiden schneller finde. Auch das Schneiden erfolgt am Handy. Ich verwende KineMaster. Diese Programme sind aber alle ähnlich. Das Zusammenschneiden geht umso leichter, je besser man vorher aufgenommen hat. Es ist wichtig, dass wenn ich mich bei der Aufnahme verspreche, dass ich dann nicht sofort korrigiere, was man in einem normalen Gespräch reflexartig macht. Um einen Film zu drehen, muss man ruhig bleiben, eine kurze Pause machen und die Stelle noch einmal lesen. Dadurch kann man die falsche Stelle problemlos raus schneiden. In der Zwischenzeit beherrsche ich dies recht gut.

Kleines Beispiel:


Schliesslich muss der Film exportiert und veröffentlicht werden. Ich veröffentliche sie auf MS Stream. Diese Filme können alle Personen unserer Schule sehe. Bei den Lernenden kommen sie offenbar gut an, was ich in Rückmeldungen erfahren habe.

In der Zwischenzeit bin ich bei der Erstellung ziemlich schnell. Trotzdem brauche ich für einen Film von fünf bis zehn Minuten gut zwei Stunden Arbeit. Da ich aber Freude an den Filmen gekriegt habe, werde ich wohl auch zukünftig mit diesem Mittel arbeiten.




Samstag, 18. April 2020

Schule muss sich entwickeln. Schule "neu denken" ist unnötig.

Mich irritiert die Forderung, Schulen müssten sich nicht nur entwickeln, (was die meisten machen), Schulen müssten neu gedacht werden. Gefordert wird thematische Beliebigkeit und die Abschaffung von allem, was nach Leistung, Lehrpläne, Bewertung (insbesondere Einzelprüfungen und Noten) und Selektion aussieht. Nicht nur bis zur vierten/fünften/sechsten Klasse (darüber kann man wirklich diskutieren), sondern am besten bis und mit Uni-Abschluss.

Es irritiert mich, weil man leicht zeigen kann, dass die Annahmen hinter diesen Forderungen zu grossen Teilen fehlerhaft sind.

1. Annahme: Die Halbwertszeit des Wissens hat sich verkürzt.
Dieser Glaube ist weit verbreitet aber falsch. Praktisch das gesamte Wissen, welches in der Schule gelehrt und gelernt wird, ist grundlegendes Wissen, welches sich teils seit Jahrtausenden nicht mehr verändert hat.
Auf diesem Wissen baut berufsspezifisches Detailwissen, welches sich vielleicht tatsächlich verändert, auf. Dass Kinder und Jugendliche dieses Grundwissen aufbauen ist ein Beitrag, den die Schule an die Wirtschaft leisten kann und tut. Wer ein breites Allgemeinwissen, wer ein vertieftes Orientierungswissen hat, ist agil, flexibel, hat gesellschaftliche Teilhabe und kann auf ändernde Ansprüche der Wirtschaft reagieren. Tiefe (Jugend)arbeitslosigkeite und hohe Erwerbsquote sind die Folge.

2. Annahme: Nur intrinsische Motivation ist richtiges Lernen und bleibt im Gedächtnis, extrinsischer Druck demotiviert
Diese Aussage tönt einleuchtend, ist aber falsch. Entscheidend ist nicht der ursprüngliche Anreiz, sondern die Dauer und Intensität. Auch extrinsische Anreize können Interesse wecken.
Ich habe jahrelang ehrenamtlich gearbeitet (Junioren- und Aktivhandballtrainer, Hauptorganisator Juniorentrainingslager, Gemeindepolitik). Es wird tendenziell schwieriger, Leute für ehrenamtliches Engagement zu gewinnen. Oft muss mit extrinsischen Anreizen nachgeholfen werden. Warum dies in der Schule plötzlich anders sein soll, ist unklar.
Praktisch alle Spitzenleistungen basieren auf einer Mischung aus innerem Antrieb und äusseren Anreizen.

3. Annahme: Schule fördert Bulimielernen
Abgesehen von der völlig deplazierten Bezeichnung "Bulimielernen", ist die Aussage falsch.
Selbst wenn ein Teil vergessen geht, typischerweise kommen einem diese Teile rasch wieder in den Sinn. Sie gingen eben nicht vergessen, sie waren lediglich nicht mehr präsent.
Dies erlebe ich regelmässig, wenn ich mit Erwachsenen arbeite. Vieles aus der Grundbildung ist ihnen nicht mehr präsent. Wenn wir solche "vergessenen" Themen anschauen, kommt es ihnen rasch wieder in den Sinn. Die BM2 (Berufsmatura für Erwachsene) Lernenden verstehen ein Thema viel schneller als Lernende der Grundbildung, die denselben Sachverhalt zum ersten Mal hören.
Ausserdem gibt es Lernende, die eine Sache nicht vergessen.
Ausserdem steigt das Ansehen von Menschen, welche viel wissen. Wissen ist ein Wert an sich.

4. Annahme: "Alles, was automatisiert wird, wird automatisiert."
Diese Aussage ist richtig, ist aber nichts Besonderes. Strukturwandel läuft seit gut 300 Jahren und hat sich in den letzten 30 Jahren als Folge von Globalisierung und Digitalisierung beschleunigt. Der Satz soll wohl Alarmismus erzeugen: Wenn wir nicht sofort die Schule neu denken, zerstören wir die Zukunft unserer Kinder! Unsinn.

5. Annahme: Bewertungen und Selektion demotivieren Lernende
Diese Gefahr besteht, weshalb die Volksschule längst dazu übergangen ist, differenzierte Bewertungen und Rückmeldungen zu geben. Neben Querschnittsvergleichen werden längst auch persönliche Entwicklungen festgehalten. Leider werden Lehrpersonen für diese Mehrarbeit meist nicht entschädigt.

Rückmeldung kann bewirken, dass ein Jugendlicher einen realistischen Ausbildungsweg wählt.
Zu glauben, dies würde auch freiwillig passieren, ist naiv. Nicht selten werden Lehrpersonen von Eltern und ihren Anwälten unter Druck gesetzt, wenn Leistungen nicht klar bewertet sind und Empfehlungen nicht den Wünschen der Eltern entsprechen.
Wenig überraschend: Noten wurden nach Volksabstimmungen wieder eingeführt. Nicht Noten und Selektion setzten Kinder unter Druck. Oft sind es die Eltern. Oft respektieren die "Selektionsablehner" nur das Gymnasium. Deshalb ihre Forderung "Matura für alle".

Selbst wenn man die dreigliedrige Oberstufe abschaffen würde, gäbe es Selektion. Ein völlig individualisiertes System würde die Unterschiede wohl sogar noch vergrössern. Es heisst dann zwar nicht mehr Selektion, es ist aber offensichtlich, dass ein Kind mehr kann als ein anderes. Am Ende kriegen zwar alle ein Maturzeugnis "geschenkt" (Matura für alle), dieses ist aber nichts (mehr) Wert.

6. Annahme: Quervergleiche und Noten gibt es nur in der Schule, sonst nirgends.
Diese Argument ist derart absurd, dass ich jedesmal stocke, wenn ich es lese. Leute, die so argumentieren, mussten sich wohl noch nie um einen Job bewerben.
Gemäss Rückmeldungen aus der Erwachsenenbildung ist es gängige Praxis, dass bei Mitarbeitergesprächen die Zielerreichung mit "übertroffen", "erfüllt", "nicht erfüllt"  oder "sehr gut", "gut", "genügend" und "ungenügend" beurteilt wird. De facto Noten.

Irritierend ist, dass sogar Ausbildungsverantwortliche von Unternehmen Beliebigkeitsforderungen in sozialen Medien liken.
Sind das eigentlich dieselben Ausbildner, welche monieren, man fände keine guten Lernenden mehr, weil diejenigen, die sich bewerben, könnten weder einen Satz fehlerfrei schreiben, noch beherrschten sie den Dreisatz?
In meiner Erfahrung können fast alle Berufsleute den Dreisatz gut. Die Schule lehrt eben dieses beständige Wissen "Dreisatz", was der Forderung nach "Lerninhalten aus dem Leben der Kinder" zuwider läuft. Kaum ein 12-jähriger braucht den Dreisatz.
Im Übrigen werden längst praktische Bezüge vorgenommen.

Nehmen wir an, die Wirtschaft will wirklich nur noch Kompetenzen

Die heutigen Primarschülerinnen und -schüler werden in rund 60 Jahren pensioniert. Kein Mensch weiss, wie dann die Wirtschaft aussieht. Die Idee, die Schule müsste die Bedürfnisse der Wirtschaft befriedigen, ist absurd!
Welche Wirtschaft genau?
Die heutige Wirtschaft oder die Wirtschaft im Jahre 2060? KMU oder Multi?

Was getan werden muss, für die Kinder/Jugendlichen und die Wirtschaft

Was die Schule kann und auch sehr erfolgreich macht, ist das Vermitteln von grundlegender, beständiger Allgemeinbildung und sie kann mithelfen beim Aufbau von Orientierungswissen. Die Grundvoraussetzung für kritisches Denken. Weiter werden Kompetenzen wie Konzentrationsfähigkeit, Kreativität, Zusammenarbeit etc. geschult. Selbstorganisation wird mit Projekten gefördert.
Dies ist überhaupt nicht Neues!
Schulprojekte, Vorträge, Gruppenpräsentationen, Theateraufführungen, Mehrjahrgangsklassen etc. gibt es seit Jahrzehnten.
Sogar die Berufsschulen, welche nahe an der Wirtschaft sind, konzentrieren sich vor allem auf berufsspezifische, theoretische Grundlagen und Allgemeinbildung. Mehr dazu hier.
Übrigens: Jeder Sportverein, jedes Pfadilager, jede Jugendmusik kann Kooperation, Kreativität und Kommunikation besser vermitteln.

Es kommt tatsächlich vor, dass Kinder/Jugendliche in unserem Schulsystem "unter Wert" geschlagen werden. Gemessen an der Gesamtzahl ist die Zahl aber gering. Trotz individualistischer Gesellschaft ist die Zustimmung zur Volksschule hoch.

Wichtig ist, dass das Bildungswesen durchlässig ist. Nachholbildung, BM2, Passerelle, Höhere Fachschulen, Fachausweise etc. müssen gefördert, subventioniert und mit vernünftigem (finanziellen) Aufwand möglich sein. Nicht alle brauchen Matur, aber alle brauchen eine Chance auf Karriere.

Wenn ein Mitarbeiter wirklich mal zu wenig Kommunikationskompetenz oder zu wenig Kreativität hat, so gibt es bereits heute Schulen, die in Zusammenarbeit mit Berufsverbänden zielgerichtete Weiterbildungen anbieten. In sozialen Medien wimmelt es von Berater*innen, die gerne unternehmensinterne Weiterbildungen durchführen. Die Schule liefert dazu die Grundlage.

Dies sind die Ansätze für zeitgemässe Bildung und zeitgemässes Lernen.