Freitag, 3. Juli 2020

Drei Wochen Präsenzunterricht unter Corona-Bedingungen

"Sie können selbst entscheiden, welche Unterlagen Sie nächste Woche mitnehmen und an welchen Themen Sie arbeiten wollen. Ich bin einfach hier für individuelle Fragen." Diesen Satz sagte ich in den letzten drei Wochen vor den Sommerferien, als der Präsenzunterricht an unserer Schule wieder aufgenommen wurde, mehrfach. Denn es waren in mehrfacher Hinsicht keine "normalen" drei Wochen.

Nachdem die Schweizer Regierung beschlossen hatte, dass Schulen der Sekundarstufe 2 ab dem 8. Juni 2020 unter Einhaltung eines Corona-Schutzkonzeptes wieder öffnen durften, erstellten wir ein entsprechendes Schutzkonzept. 

Da die Schule auf Ende Schuljahr 2019/20 per Regierungsratsbeschluss aufgrund einer Neuorganisation der Aargauer Berufsfachschulen geschlossen wird, wollten wir noch einmal Präsenzunterricht aufnehmen und nicht bis zu den Sommerferien am Fernunterricht festhalten.
Ferner ist noch nicht ganz sicher, ob nach den Sommerferien wieder "normal" unterrichtet werden kann, weshalb wir die drei Wochen Nutzen wollten, um Erfahrungen zu Unterricht unter Corona-Bedingungen zu sammeln.

Eine Klasse, zwei Zimmer

Unsere Schule hatte wegen der einjährigen "BM2 Vollzeit" viele Abschlussklassen und somit viele freie Zimmer. Wir hatten die Möglichkeit, eine Klasse auf zwei Zimmer zu verteilen. Der Unterricht fand also gleichzeitig in zwei Zimmern statt. Für die Lehrpersonen war dies eine Herausforderung. Inputs waren nur mit Simultanübertragung ins andere Zimmer möglich. Diese Variante wählte ich zwei Mal, was speziell war. Ich hatte diesbezüglich natürlich keine Erfahrung. Anfänglich gab es immer wieder Sound-Probleme (Rückkoppelungen etc.). Diese konnten mit zunehmender Erfahrung aber gelöst werden. Die Lernenden des "anderen" Zimmers stellten ihre Fragen über den Klassen-Chat.

Ansonsten musste man mit schriftlichen Arbeitsaufträgen arbeiten. Es fand also quasi Fernunterricht, mit der Möglichkeit zum direkten Fragen stellen, statt. Diese Variante wählte auch ich am häufigsten. Die Lernende konnten selbst wählen, an welchen Themen sie arbeiten wollten und ich lief jeweils einfach herum und beantwortete individuelle Fragen.
Die Lernenden mussten nicht zwingend im Zimmer sein. Aufgrund des schönen Wetters liess ich meine Klassen auch immer wieder auf dem Pausenplatz in Kleinguppen arbeiten. Dies war nicht wirklich etwas Neues. Ich arbeite viel auf diese Weise und lege dabei lange Wegstrecken zurück.

Bei einer Klasse, die nach den Sommerferien auf andere Schulen verteilt und nicht mehr bei mir sein wird, machte ich einen grösseren Schlussquiz. Dieser beinhaltete verschiedene Aufgaben, welche die Lernenden in Gruppen lösen mussten. Nebst fachlichen Fragen (bspw. Socrative) mussten sie bei einer Aufgabe eine rechtliche oder betriebswirtschaftliche Fragestellung ihrer Wahl als Rollenspiel darstellen. Dabei offenbarten einige Lernenden nicht nur fachliches, sondern auch schauspielerisches Talent.

Niemand konnte sich verschlechtern, alle wurden promoviert

Es gab noch Prüfungen, die letztlich aber freiwillig waren, da die Schweizer Regierung verordnete, dass die Noten des Frühlingssemesters nicht schlechter sein durften als die Noten des Herbstsemesters. Alle Lernenden wurden per derselben Verordnung promoviert. Somit nahmen nur noch Lernende an meinen Prüfungen teil, die die Chance auf eine Verbesserung sahen. Die anderen durften die Prüfung als Übung lösen.

So kam es, dass in den letzten drei Wochen der Schule die Lernenden individuell, meist in selbstgewählten Kleingruppen ohne Prüfungs- und Notendruck zur Schule kamen und sich vor allem freuten, dass sie wieder ihre Kolleginnen und Kollegen sahen.

Es wehte wahrhaftig ein Hauch von Montessori und Steiner durch die heiligen Hallen des KV Lenzburg Reinach.

Samstag, 6. Juni 2020

Am Montag startet wieder Präsenzunterricht - und das ist gut so.

Am Montag startet wieder Präsenzunterricht nach zehn Wochen Fernlernen - und das ist gut so. Die Mails häufen sich, von Lernenden, die schreiben, sie hätten den Überblick verloren, sie seien nicht mehr sicher, welche Aufträge sie zu erledigen hätten und was noch alles zu tun sei. 

Weiter werden elektronische Lernaufträge nicht mehr so vollständig gemacht, wie zu Beginn. Teilweise hängt dies auch damit zusammen, dass sich das Schuljahr dem Ende zu neigt und die Lernenden wissen, dass es keine Promotion gibt, sie also das Semester bestanden haben. Die diversen Ausfälle in Folge von Feiertagen tragen ebenfalls nicht dazu bei die Leistung und die Motivation hoch zu halten.

Doch hauptsächlich ist es einfach mühsamer für eine Frage eine Mitteilung zu schreiben, als in einer Präsenzlektion kurz zu fragen. Der Reiz des Technischen ist verflogen. Lernende und Lehrende sehen auch die Nachteile von Fernkursen und schätzen (wieder) die Vorteile der Präsenz.

Zusätzlich sind die Lernenden an drei bis vier Tagen in einem Betrieb beschäftigt und die Phase des Arbeitens im Home-Office statt im Büro, ist auch langsam am Abnehmen. So ist es nicht verwunderlich, dass die Schule in den Hintergrund rückt.

Der Präsenzunterricht wird nicht im herkömmlichen Sinne stattfinden können. Corona bedingt wird eine Lektion gleichzeitig in zwei Zimmern stattfinden müssen. Weiter müssen die Lernenden möglichst auf ihrem Platz bleiben. Bei schönem Wetter darf allerdings auf den Bänken auf dem Pausenplatz gearbeitet werden. Trotz des aufwändigen Schutzkonzeptes der Schule, bleibt ein gewisses Ansteckungsrisiko, was die Freude auf den Wiederbeginn schmälert.

Deshalb wird weiterhin weitgehend im Selbststudium gearbeitet werden müssen. Wobei es technisch möglich ist, einen frontalen Input in das andere Zimmer simultan zu übertragen, wie ich getestet habe. Dies führte zur Frage, ob man nicht weiterhin von zu Hause aus arbeiten könne, um sich den langen Anfahrtsweg zu sparen.

Gerade im Sek II - Bereich und bei den Erwachsenen dürften mittelfristig hybride Modelle, wie sie vermehrt diskutiert werden und von mir hier diskutiert, nicht zu letzt aus Pendlerfreundlichkeitsgründen an Bedeutung beginnen. Präsenzunterricht dürfte aber auch in diesem "Segment" zentral bleiben. Allenfalls werden Inputs vermehrt statt in der Lektion als Lektionsvorbereitung per Video gehalten, womit die Effektivität einer Lektion möglicherweise erhöht werden könnte.

Und schliesslich ist es positiv zu werten, dass die Lernenden wieder gerne zur Schule kommen. So wie jener Lernende, der mir diese Woche in einer Mail schrieb: "Ich freue mich auf die Schule."



Sonntag, 24. Mai 2020

Sei kreativ! - Warum mich diese Forderung bis heute zum Lächeln bringt

"Das hört man manchmal, der Trainer ruft einem Spieler zu "sei kreativ!" Aber was ist damit gemeint? Jetzt wird der sich zehn Minuten überlegen, was gemeint sein könnte, statt Tore zu werfen." (Arno Ehret)

Es war in meinem ersten Weiterbildungskurs als Handballtrainer als der damalige Schweizer Nationaltrainer und Weltmeister von 1978, Arno Ehret (3 Tore im Final: BRD - UdSSR 20:19), dies erklärte. Und tatsächlich konnte ich in den folgenden Jahren immer wieder lächelnd hören, wie Trainer diese unbrauchbare Anweisung gaben. 

Kompetenzen wie Kreativität sind kein Selbstzweck

Kreativität ist eine sinnvolle Kompetenz, weshalb die Förderung ihrer Beherrschung auch im schulischen Umfeld oft gefordert wird.

Abgesehen davon, dass das Üben dieser Kompetenz, gleich wie bspw. Kommunikation in diversen Fächern, wie bspw. Sport, Musik oder auch Fremdsprachen der Normalfall ist,
Abgesehen davon, dass man diese Kompetenzen (aber auch Problemlösungstechniken oder Projekte) in Sportvereinen, Pfadilagern, Musik- und Theatervereinen "in echt" üben kann, was ist damit gemeint?

Kreativitäts- (oder auch Kommunikationstechniken) können nicht gemeint sein, denn dass wäre nun wirklich nichts Besonderes. Um diese zu erlernen, gibt es Lehrbücher. In Schulen und Kursen werden Sie gelehrt und gelernt. Bekannt ist bspw. die Siebensprung-Methode zur Problemlösung, in der Schweiz berühmt geworden als "the seven-thinking-steps".
Ferner ist es so, dass Vereine, in welchen Kreativität oder Kommunikation aber auch Kooperation und kritisches Denken eigentlich ideal geübt werden könnten, zunehmenden Mühe haben, Freiwillige zu finden. Ob die abnehmende Bereitschaft zu Ehrenamtlichkeit und Verbindlichkeit eine Folge von Schnelllebigkeit und Oberflächlichkeit ist, was gerade auch durch neuen Medien begünstigt wird, wäre zu untersuchen. 

Manchmal wird mit Kreativität implizit gemeint, dass die Lernenden nicht bloss ihr aufgebautes Wissen (im Rahmen von Prüfungen) nachweisen müssen, sondern im Rahmen eines Lernprodukts dieses Wissen kreativ demonstrieren sollen. Zu denken ist etwa an ein Lernvideo, ein Rollenspiel, eine Podiumsdiskussion, ein Plakat oder ein Lehrbuch (bspw. Book-Creator)

Gegen Lernprodukte als Ergänzung zu klassischen Einzelprüfungen ist nicht viel einzuwenden. Bloss, dies ist nichts Neues. Und es ist definitiv "nur" eine Ergänzung. Im Zentrum schulischer Lernziele bleiben Allgemeinbildung und Orientierungswissen. Denn kreative Lösungen zu einem Problem wird nur finden, wer über fundiertes Orientierungswissen in einem Fachbereich verfügt, wie hier ausgeführt. Kreativität als Selbstzweck ist für gewöhnlich sinnlos.

Kompetenzen ergänzen Wissen und bauen darauf auf

Forderungen, dass man Lernziele durch Kompetenzen, erworben anhand beliebiger (selbstgewählter) Sachverhalte, ersetzen sollte und konsequenterweise auch gleich noch alles abschafft, was nach Prüfung, Leistung und Bewertung aussieht, sind abzulehnen. Solche Forderungen führen auch nicht zu mehr Chancengleichheit. Solche Erwartungen sind entweder naiv oder nicht zu Ende gedacht, wie mehrfach bspw. hier oder hier dargelegt.

Weiter stellt sich die Frage, ob es pädagogisch richtig (und rechtlich zulässig) ist, bspw. bei kaufmännischen Berufslernenden in Leistungsnachweisen nicht primär das kaufmännische Fachwissen, sondern die kreative Umsetzung eines Lernproduktes zu bewerten? Es hat wahrscheinlich einen Grund, weshalb jemand eine Lehre als Kaufmann/-frau und nicht als Grafiker*in gewählt hat.

Vor einiger Zeit stellte ich im Rahmen eines SOL-Projekts unter Anderem die Aufgabe, gruppenweise ein Erklärvideo zu kreieren. Die Resultate waren fachlich gut. Die Kreativität hingegen hatte noch Potenzial.
Es waren dieselben Lernenden, die ich ein halbes Jahr vorher im Rahmen des Schulsporttags habe Fussball spielen sehen. Mit diversen kreativen Tricks und Kniffs dominierten sie die Spiele und gewannen das Turnier deutlich. Ihre Kreativität war das Ergebnis von Jahre langem Vereinstraining in einem spezifischen Bereich (Fussball) und nicht einfach transferierbar.

Die These, wie man sie in sozialen Medien implizit immer wieder liesst, dass man an einem beliebigen Thema Kreativität üben und diese dann beliebig auf andere Bereiche übertragen könne, ist zumindest gewagt.

Auch Lernprodukte können langweilig werden

Manchmal werden kreative Lernprodukte - möglichst selbst gewählt, idealerweise an einem beliebigen selbstgewählten Themen - als intrinsischer Motivator gesehen. Den Kindern und Jugendlichen soll die Freude am Lernen nicht abhanden kommen. Nun, beim ersten Mal ist ein Lernvideo vielleicht wirklich ein Motivator. Beim zweiten Mal, wenn man es besser kann, vielleicht sogar noch stärker. Aber was ist, wenn plötzlich in allen Fächern, alle vier Wochen ein Lernvideo, ein Blog oder ein Buch kreiert werden muss? Die Gefahr des "sich zu Tode laufen" ist gross.

Lernprodukte und Projekte, wie sie in Schulen seit Langem üblich sind, können Sinn machen. Insbesondere, wenn sie dazu dienen, Orientierungswissen aufzubauen oder anzuwenden und nicht  einfach auf Beliebigkeit basieren. Zu solchen sinnvollen Projekten gibt es in der Zwischenzeit diverse Sammlungen bspw. TeachOz. Digitale Hilfsmittel können weitere Möglichkeiten eröffnen.

Auch eine Mischung aus Fern- und Präsenzlernen kann bei älteren Lernenden durchaus eine Variante sein, wie hier ausgeführt. Im Zentrum bleibt aber zielgerichteter, allgemeinbildender Wissensaufbau.


Sonntag, 10. Mai 2020

Übrigens: Fernlernen geht auch frontal - Erfahrungen aus weiteren Wochen Fernunterricht

"Könnten wir einen Video-Call machen, bei welchem Sie die Theorie erklären und wir Fragen stellen können?" Diese Frage stellte mir eine Lernende schon vor den Ferien. Sie war mit diesem Wunsch nicht alleine. Zwar wurde immer wieder betont, dass die Lernvideos hilfreich seien, trotzdem gab es den Wunsch nach einem geführten Input.

Gut strukturierte und aufbereitete Inputs sind eine effiziente Form des Lernens, wenn es darum geht Orientierungswissen aufzubauen. Solches Wissen ist die Voraussetzung für kritisches Denken, oder das Finden kreativer Lösungen in komplexen Problemen.

Das Lernziel ist entscheidend für das Lernsetting

Gerade Lernende, die sich gut konzentrieren können, überraschenderweise häufig aber auch die anderen, mögen Lehrvorträge. Die Lernenden können dann nicht mehr arbeiten, wann sie wollen, sondern dann, wenn der Video-Call angesetzt ist. Asynchrones Lernen gilt als Hauptstärke von Fernunterricht und wird entsprechend propagiert, während Lehrervorträge - womöglich unter Einhaltung des Stundenplans - abgelehnt werden. Die Realität ist pragmatischer.

Entscheidend ist das Ziel, welches verfolgt wird. Dieses muss im Wesentlichen Allgemeinbildung bzw. Orientierungswissen sein, wobei dies durchaus in Form eines Lernproduktes, wie bspw. eines Lernvideos, eines Lernbuchs oder eines Gruppenarbeit sein kann  (mehr dazu hier oder hier). Teilweise wird argumentiert, dass Wissen unnötig sei, weil es im Internet stehe und das globale Wissen sich alle paar Stunden verdopple. Selbst wenn dies stimmen würde, wäre dies nichts Besonderes. Schon Sokrates wusste, dass er nichts weiss.
Das Internet ist eine gute Informationsquelle, wenn man schon viel weiss. Ähnlich wie ein Französisch-Wörterbuch nur hilft, wenn man die Sprache schon gut kann. Es spielt offensichtlich eine Rolle, ob ich sage "Sie haben ein schönes Sandwich im Wohnzimmer stehen" oder ob ich sagen, "Sie haben ein schönes Canapé im Wohnzimmer stehen". Präzises Faktenwissen ist weiterhin zentral. Halbwissen und thematische Beliebigkeit reichen in einer Welt des beschleunigten Strukturwandels nicht (mehr).

Und so hielt ich in den letzten drei Wochen mehrere frontale "Lektionen", ich sitze dann jeweils am Computer, teile den Bildschirm und schreibe ähnlich einer Wandtafel auf den Bildschirm. Wenn die Lernenden Fragen haben, können sie einfach das Mikrofon öffnen und los reden. Die Lernenden stellen meist wenige Fragen, erstellen dagegen häufig Screenshots oder machen Mitschnitte, welche sie immer wieder anschauen können. Die Teilnahme an diesen Inputs war grösstenteils freiwillig. Ich kann ohnehin nicht kontrollieren, ob jemand wirklich zuhört, oder sonst etwas macht.
Hingegen frage ich nach, wenn jemand bei einer obligatorischen Aufgabe oder einem obligatorischen Call abwesend war. Nicht als Kontrolle, sondern aus Interesse und um Kontakt halten zu können. Die Abwesenden sind typischerweise nicht diejenigen, bei denen alles bestens läuft.

Schule ermöglicht Lernen

Radikale Gegner frontaler Inputs dagegen glauben gar, mit solchen Settings würde die Schule die Kinder und Jugendlichen am Lernen hindern. Lernen wird von diesen Leuten als eine mehr oder weniger intensive Auseinandersetzung mit einem beliebigen Gegenstand verstanden. Die Lehrperson macht keine Vorgaben - dies wäre autoritär - sondern unterstützt einen nicht näher definierten Lernprozess. Dieses Denken gipfelt im Satz: "Mehr lernen, weniger Schule", welchen man in sozialen Medien immer wieder liest. In Anbetracht von Millionen von Kindern, die nicht zur Schule gehen und Lernen dürfen/können, ist dieser Satz peinlich und zynisch.

Es ist in einer Demokratie legitim zu fordern, dass die digitale Transformation der öffentlichen Schule mit thematischer Beliebigkeit, einhergehen soll. Aber man soll nicht so tun, als ob Digitalisierung nur dann "echt" sei, wenn sie mit thematischer Beliebigkeit kombiniert wird (mehr dazu hier oder hier).

Berufsmatura-Prüfungen abgesagt

Ansonsten ist die anfängliche Spannung des Fernunterrichts einer gewissen Routine gewichen. Die dominierende Frage der letzten Wochen war, ob die Berufsmatura-Prüfungen abgesagt werden und wie die Promotion laufen wird. Die schulischen Schlussprüfung der Fähigkeitszeugnisse wurden schon früher abgesagt.
Der Bund und der Kanton haben ferner beschlossen, dass alle Lernenden promoviert werden und dass man sich in diesem Semester nicht verschlechtern kann.

So müssen jetzt freiwillige Prüfungen unter Corona-Bedingungen organisiert werden. Und für Lernende, die ohne Schlussprüfung, nur mit Erfahrungsnoften nicht bestehen, muss eine Schlussprüfung organisiert werden.
Daneben ist es weiterhin eine Herausforderung den Kontakt zu den Lernenden zu halten (mehr dazu hier).

Modern formuliert: "Deren Lernen, (asynchron) zu begleiten."
Denn Lernbegleitung ist durchaus sinnvoll. Abhängig von den Lernzielen.

Donnerstag, 23. April 2020

Lernvideos mit dem Handy - meine Erfahrungen


Die Idee hatte ich schon seit Längerem, weil die Schule als Folge der Corona-Pandemie geschlossen wurde, setzte ich sie jetzt um: Ich kreiere Lernvideos.

Lernvideos haben für die Lernenden den Vorteil, dass sie sie immer wieder anschauen können. Sie können dann schauen, wenn sie die nötige Konzentration haben und in Lektionen können für Übungen, Fragen, Transfers und Diskussionen verwendet werden. Es besteht die Chance auf höhere Effektivität und höhere Effizienz.

Zuerst erstellte ich ein Drehbuch. Dies ist zwar ein bisschen ein grosses Wort für eine kleine Sache. Aber eigentlich ist es das. Ich schreibe auf, was ich sagen will. Dann überlege ich an welchen Stellen ich ein Foto bspw. einer Aufzählung oder eine Erläuterung einbauen will. Da meine Filme ganz einfach sind, genügt es, wenn ich dies aufschreibe. Eine Zeichnung oder Skizze ist nicht nötig, weil ich nicht verschiedene Szenen habe.

Dann nehme ich den Film mit der Handykamera auf. Ich schaue, dass das Gesicht einiger massen ausgeleuchtet ist, keine seltsamen Schatten hat und ich nicht direkt in der Mitte, wie bei einem Fahndungsfoto, sitze. So entstehen ansehnliche Produkte.

Wenn ich alle Bestandteile des Films zusammen habe, beschrifte ich sie, damit ich sie beim Zusammenschneiden schneller finde. Auch das Schneiden erfolgt am Handy. Ich verwende KineMaster. Diese Programme sind aber alle ähnlich. Das Zusammenschneiden geht umso leichter, je besser man vorher aufgenommen hat. Es ist wichtig, dass wenn ich mich bei der Aufnahme verspreche, dass ich dann nicht sofort korrigiere, was man in einem normalen Gespräch reflexartig macht. Um einen Film zu drehen, muss man ruhig bleiben, eine kurze Pause machen und die Stelle noch einmal lesen. Dadurch kann man die falsche Stelle problemlos raus schneiden. In der Zwischenzeit beherrsche ich dies recht gut.

Kleines Beispiel:


Schliesslich muss der Film exportiert und veröffentlicht werden. Ich veröffentliche sie auf MS Stream. Diese Filme können alle Personen unserer Schule sehe. Bei den Lernenden kommen sie offenbar gut an, was ich in Rückmeldungen erfahren habe.

In der Zwischenzeit bin ich bei der Erstellung ziemlich schnell. Trotzdem brauche ich für einen Film von fünf bis zehn Minuten gut zwei Stunden Arbeit. Da ich aber Freude an den Filmen gekriegt habe, werde ich wohl auch zukünftig mit diesem Mittel arbeiten.




Samstag, 18. April 2020

Schule muss sich entwickeln. Schule "neu denken" ist unnötig.

Mich irritiert die Forderung, Schulen müssten sich nicht nur entwickeln, (was die meisten machen), Schulen müssten neu gedacht werden. Gefordert wird thematische Beliebigkeit und die Abschaffung von allem, was nach Leistung, Lehrpläne, Bewertung (insbesondere Einzelprüfungen und Noten) und Selektion aussieht. Nicht nur bis zur vierten/fünften/sechsten Klasse (darüber kann man wirklich diskutieren), sondern am besten bis und mit Uni-Abschluss.

Es irritiert mich, weil man leicht zeigen kann, dass die Annahmen hinter diesen Forderungen zu grossen Teilen fehlerhaft sind.

1. Annahme: Die Halbwertszeit des Wissens hat sich verkürzt.
Dieser Glaube ist weit verbreitet aber falsch. Praktisch das gesamte Wissen, welches in der Schule gelehrt und gelernt wird, ist grundlegendes Wissen, welches sich teils seit Jahrtausenden nicht mehr verändert hat.
Auf diesem Wissen baut berufsspezifisches Detailwissen, welches sich vielleicht tatsächlich verändert, auf. Dass Kinder und Jugendliche dieses Grundwissen aufbauen ist ein Beitrag, den die Schule an die Wirtschaft leisten kann und tut. Wer ein breites Allgemeinwissen, wer ein vertieftes Orientierungswissen hat, ist agil, flexibel, hat gesellschaftliche Teilhabe und kann auf ändernde Ansprüche der Wirtschaft reagieren. Tiefe (Jugend)arbeitslosigkeite und hohe Erwerbsquote sind die Folge.

2. Annahme: Nur intrinsische Motivation ist richtiges Lernen und bleibt im Gedächtnis, extrinsischer Druck demotiviert
Diese Aussage tönt einleuchtend, ist aber falsch. Entscheidend ist nicht der ursprüngliche Anreiz, sondern die Dauer und Intensität. Auch extrinsische Anreize können Interesse wecken.
Ich habe jahrelang ehrenamtlich gearbeitet (Junioren- und Aktivhandballtrainer, Hauptorganisator Juniorentrainingslager, Gemeindepolitik). Es wird tendenziell schwieriger, Leute für ehrenamtliches Engagement zu gewinnen. Oft muss mit extrinsischen Anreizen nachgeholfen werden. Warum dies in der Schule plötzlich anders sein soll, ist unklar.
Praktisch alle Spitzenleistungen basieren auf einer Mischung aus innerem Antrieb und äusseren Anreizen.

3. Annahme: Schule fördert Bulimielernen
Abgesehen von der völlig deplazierten Bezeichnung "Bulimielernen", ist die Aussage falsch.
Selbst wenn ein Teil vergessen geht, typischerweise kommen einem diese Teile rasch wieder in den Sinn. Sie gingen eben nicht vergessen, sie waren lediglich nicht mehr präsent.
Dies erlebe ich regelmässig, wenn ich mit Erwachsenen arbeite. Vieles aus der Grundbildung ist ihnen nicht mehr präsent. Wenn wir solche "vergessenen" Themen anschauen, kommt es ihnen rasch wieder in den Sinn. Die BM2 (Berufsmatura für Erwachsene) Lernenden verstehen ein Thema viel schneller als Lernende der Grundbildung, die denselben Sachverhalt zum ersten Mal hören.
Ausserdem gibt es Lernende, die eine Sache nicht vergessen.
Ausserdem steigt das Ansehen von Menschen, welche viel wissen. Wissen ist ein Wert an sich.

4. Annahme: "Alles, was automatisiert wird, wird automatisiert."
Diese Aussage ist richtig, ist aber nichts Besonderes. Strukturwandel läuft seit gut 300 Jahren und hat sich in den letzten 30 Jahren als Folge von Globalisierung und Digitalisierung beschleunigt. Der Satz soll wohl Alarmismus erzeugen: Wenn wir nicht sofort die Schule neu denken, zerstören wir die Zukunft unserer Kinder! Unsinn.

5. Annahme: Bewertungen und Selektion demotivieren Lernende
Diese Gefahr besteht, weshalb die Volksschule längst dazu übergangen ist, differenzierte Bewertungen und Rückmeldungen zu geben. Neben Querschnittsvergleichen werden längst auch persönliche Entwicklungen festgehalten. Leider werden Lehrpersonen für diese Mehrarbeit meist nicht entschädigt.

Rückmeldung kann bewirken, dass ein Jugendlicher einen realistischen Ausbildungsweg wählt.
Zu glauben, dies würde auch freiwillig passieren, ist naiv. Nicht selten werden Lehrpersonen von Eltern und ihren Anwälten unter Druck gesetzt, wenn Leistungen nicht klar bewertet sind und Empfehlungen nicht den Wünschen der Eltern entsprechen.
Wenig überraschend: Noten wurden nach Volksabstimmungen wieder eingeführt. Nicht Noten und Selektion setzten Kinder unter Druck. Oft sind es die Eltern. Oft respektieren die "Selektionsablehner" nur das Gymnasium. Deshalb ihre Forderung "Matura für alle".

Selbst wenn man die dreigliedrige Oberstufe abschaffen würde, gäbe es Selektion. Ein völlig individualisiertes System würde die Unterschiede wohl sogar noch vergrössern. Es heisst dann zwar nicht mehr Selektion, es ist aber offensichtlich, dass ein Kind mehr kann als ein anderes. Am Ende kriegen zwar alle ein Maturzeugnis "geschenkt" (Matura für alle), dieses ist aber nichts (mehr) Wert.

6. Annahme: Quervergleiche und Noten gibt es nur in der Schule, sonst nirgends.
Diese Argument ist derart absurd, dass ich jedesmal stocke, wenn ich es lese. Leute, die so argumentieren, mussten sich wohl noch nie um einen Job bewerben.
Gemäss Rückmeldungen aus der Erwachsenenbildung ist es gängige Praxis, dass bei Mitarbeitergesprächen die Zielerreichung mit "übertroffen", "erfüllt", "nicht erfüllt"  oder "sehr gut", "gut", "genügend" und "ungenügend" beurteilt wird. De facto Noten.

Irritierend ist, dass sogar Ausbildungsverantwortliche von Unternehmen Beliebigkeitsforderungen in sozialen Medien liken.
Sind das eigentlich dieselben Ausbildner, welche monieren, man fände keine guten Lernenden mehr, weil diejenigen, die sich bewerben, könnten weder einen Satz fehlerfrei schreiben, noch beherrschten sie den Dreisatz?
In meiner Erfahrung können fast alle Berufsleute den Dreisatz gut. Die Schule lehrt eben dieses beständige Wissen "Dreisatz", was der Forderung nach "Lerninhalten aus dem Leben der Kinder" zuwider läuft. Kaum ein 12-jähriger braucht den Dreisatz.
Im Übrigen werden längst praktische Bezüge vorgenommen.

Nehmen wir an, die Wirtschaft will wirklich nur noch Kompetenzen

Die heutigen Primarschülerinnen und -schüler werden in rund 60 Jahren pensioniert. Kein Mensch weiss, wie dann die Wirtschaft aussieht. Die Idee, die Schule müsste die Bedürfnisse der Wirtschaft befriedigen, ist absurd!
Welche Wirtschaft genau?
Die heutige Wirtschaft oder die Wirtschaft im Jahre 2060? KMU oder Multi?

Was getan werden muss, für die Kinder/Jugendlichen und die Wirtschaft

Was die Schule kann und auch sehr erfolgreich macht, ist das Vermitteln von grundlegender, beständiger Allgemeinbildung und sie kann mithelfen beim Aufbau von Orientierungswissen. Die Grundvoraussetzung für kritisches Denken. Weiter werden Kompetenzen wie Konzentrationsfähigkeit, Kreativität, Zusammenarbeit etc. geschult. Selbstorganisation wird mit Projekten gefördert.
Dies ist überhaupt nicht Neues!
Schulprojekte, Vorträge, Gruppenpräsentationen, Theateraufführungen, Mehrjahrgangsklassen etc. gibt es seit Jahrzehnten.
Sogar die Berufsschulen, welche nahe an der Wirtschaft sind, konzentrieren sich vor allem auf berufsspezifische, theoretische Grundlagen und Allgemeinbildung. Mehr dazu hier.
Übrigens: Jeder Sportverein, jedes Pfadilager, jede Jugendmusik kann Kooperation, Kreativität und Kommunikation besser vermitteln.

Es kommt tatsächlich vor, dass Kinder/Jugendliche in unserem Schulsystem "unter Wert" geschlagen werden. Gemessen an der Gesamtzahl ist die Zahl aber gering. Trotz individualistischer Gesellschaft ist die Zustimmung zur Volksschule hoch.

Wichtig ist, dass das Bildungswesen durchlässig ist. Nachholbildung, BM2, Passerelle, Höhere Fachschulen, Fachausweise etc. müssen gefördert, subventioniert und mit vernünftigem (finanziellen) Aufwand möglich sein. Nicht alle brauchen Matur, aber alle brauchen eine Chance auf Karriere.

Wenn ein Mitarbeiter wirklich mal zu wenig Kommunikationskompetenz oder zu wenig Kreativität hat, so gibt es bereits heute Schulen, die in Zusammenarbeit mit Berufsverbänden zielgerichtete Weiterbildungen anbieten. In sozialen Medien wimmelt es von Berater*innen, die gerne unternehmensinterne Weiterbildungen durchführen. Die Schule liefert dazu die Grundlage.

Dies sind die Ansätze für zeitgemässe Bildung und zeitgemässes Lernen.














Sonntag, 5. April 2020

Drei Wochen Schulschliessung, drei Wochen Fernunterricht - Weiterhin gute Gesundheit!

Und weiterhin gute Gesundheit! Mit diesem Satz verabschiedete ich diese Woche meine Klassen in die Frühlingsferien. Selbstverständlich trafen wir uns nur virtuell im Rahmen von Videokonferenzen auf Teams.

Die irritierende Stille der Videobesprechungen

Beziehungsarbeit zu den Lernenden ist schon im Präsenzuntericht nicht ganz einfach,wie hier geschrieben. Im Fernunterricht ist dies noch herausfordernder. Diese Woche wollte ich zusätzlich Videobesprechungen ausprobieren. Dabei wollte ich einerseits noch einmal fachliche Fragen thematisieren und anderseits das Fernlernen nach den Ferien "aufgleisen". Eine Konferenz erfolgte auf Wunsch der Lernenden, um theoretische Inputs direkt hören zu können.
Bei den Besprechungsterminen orientierte ich mich am Stundenplan, weil die Lernenden grundsätzlich am Arbeiten und deshalb nicht permanent verfügbar sind.

In der ersten Besprechung befolgt ich die üblichen im Internet kursierenden Tipps: Kamera und Mikrofon abschalten und über die Chatfunktion melden. Die meisten Lernenden wollten die Kamera ohnehin nicht angeschaltet haben. Aber es irritierte mich, dass auf Äusserungen niemand reagierte. So ernannte ich bei den weiteren Besprechungen jeweils eine Referenzperson, die das Mikrofon offen hatte und bestätigte, dass die Klasse sah und hörte, was ich glaubte, würde sie sehen und hören. Wer etwas sagen wollte, sollte einfach Mikro öffnen und losreden.
Fragen und Bemerkungen gab es trotzdem wenige. Da ich bereits vorher zeitnah Fragen beantwortete und Lervideos zur Verfügung stellte. Ferner vermute ich, dass die heutigen Jugendlichen nicht gerne telefonieren, sondern schriftlich kommunizieren.

So dürfte es gehen - jedenfalls eine Weile lang

Die Kombination aus schriftlichen Hinweisen und Übungen, die Lernvideos und die Beantwortung individueller Fragen, die Rückmeldungen zu Prozess, Befindlichkeit und fachlichen Fortschritten, sowie schliesslich die Viedeobesprechungen, ermöglichte es den Lernenden, sich Orientierungswissen aufzubauen, und mir, Kontakt zu den Lernenden zu halten. Vor allem aber handelt es sich um selbstständige Lernende mit entsprechender technischer Ausrüstung. Ohne diese beiden Vorbedingungen, ist Fernunterricht schwierig.

So aber, sollte ein sinnvoller Fernunterricht noch ein paar Wochen möglich sein. Langfristig ersetzt er Präsenzlernen nicht, kann es aber ergänzen und allenfalls effektiver machen.

Es muss gesagt werden, dass sich nicht alle Themen gut für Fernunterricht eignen. Insbesondere wenn Zusammenhänge sehr komplex sind, wären Präsenzveranstaltungen sinnvoller. Bleiben die Schulen noch lange geschlossen, werden auch solche Themen behandelt werden müssen.

Eine Frage muss/darf offen bleiben: Die Prüfungen

Und schliesslich fanden keine Leistungsbewertungen statt. Zwar gibt es diverse Ansätze für Bewertungen in Fernkursen, trotzdem ist dies in wissensbasierten, erklärenden Fächern wie Wirtschaft und Recht eine Herausforderung. Lernprodukte, Vorträge oder Planspiele können vertieftes Orientierungswissen nur teilweise überprüfen. Hier bleibt die klassische Einzelprüfung bedeutsam, jedenfalls wenn man weiterhin ein hohes Fachniveau in der kaufmännischen Berufsausbildung als Grundvoraussetzung für leistungsfähige, flexible Arbeitskräfte haben will.

Weiterhin gute Gesundheit!