Donnerstag, 23. April 2020

Lernvideos mit dem Handy - meine Erfahrungen


Die Idee hatte ich schon seit Längerem, weil die Schule als Folge der Corona-Pandemie geschlossen wurde, setzte ich sie jetzt um: Ich kreiere Lernvideos.

Lernvideos haben für die Lernenden den Vorteil, dass sie sie immer wieder anschauen können. Sie können dann schauen, wenn sie die nötige Konzentration haben und in Lektionen können für Übungen, Fragen, Transfers und Diskussionen verwendet werden. Es besteht die Chance auf höhere Effektivität und höhere Effizienz.

Zuerst erstellte ich ein Drehbuch. Dies ist zwar ein bisschen ein grosses Wort für eine kleine Sache. Aber eigentlich ist es das. Ich schreibe auf, was ich sagen will. Dann überlege ich an welchen Stellen ich ein Foto bspw. einer Aufzählung oder eine Erläuterung einbauen will. Da meine Filme ganz einfach sind, genügt es, wenn ich dies aufschreibe. Eine Zeichnung oder Skizze ist nicht nötig, weil ich nicht verschiedene Szenen habe.

Dann nehme ich den Film mit der Handykamera auf. Ich schaue, dass das Gesicht einiger massen ausgeleuchtet ist, keine seltsamen Schatten hat und ich nicht direkt in der Mitte, wie bei einem Fahndungsfoto, sitze. So entstehen ansehnliche Produkte.

Wenn ich alle Bestandteile des Films zusammen habe, beschrifte ich sie, damit ich sie beim Zusammenschneiden schneller finde. Auch das Schneiden erfolgt am Handy. Ich verwende KineMaster. Diese Programme sind aber alle ähnlich. Das Zusammenschneiden geht umso leichter, je besser man vorher aufgenommen hat. Es ist wichtig, dass wenn ich mich bei der Aufnahme verspreche, dass ich dann nicht sofort korrigiere, was man in einem normalen Gespräch reflexartig macht. Um einen Film zu drehen, muss man ruhig bleiben, eine kurze Pause machen und die Stelle noch einmal lesen. Dadurch kann man die falsche Stelle problemlos raus schneiden. In der Zwischenzeit beherrsche ich dies recht gut.

Kleines Beispiel:


Schliesslich muss der Film exportiert und veröffentlicht werden. Ich veröffentliche sie auf MS Stream. Diese Filme können alle Personen unserer Schule sehe. Bei den Lernenden kommen sie offenbar gut an, was ich in Rückmeldungen erfahren habe.

In der Zwischenzeit bin ich bei der Erstellung ziemlich schnell. Trotzdem brauche ich für einen Film von fünf bis zehn Minuten gut zwei Stunden Arbeit. Da ich aber Freude an den Filmen gekriegt habe, werde ich wohl auch zukünftig mit diesem Mittel arbeiten.




Samstag, 18. April 2020

Schule muss sich entwickeln. Schule "neu denken" ist unnötig.

Mich irritiert die Forderung, Schulen müssten sich nicht nur entwickeln, (was die meisten machen), Schulen müssten neu gedacht werden. Gefordert wird thematische Beliebigkeit und die Abschaffung von allem, was nach Leistung, Lehrpläne, Bewertung (insbesondere Einzelprüfungen und Noten) und Selektion aussieht. Nicht nur bis zur vierten/fünften/sechsten Klasse (darüber kann man wirklich diskutieren), sondern am besten bis und mit Uni-Abschluss.

Es irritiert mich, weil man leicht zeigen kann, dass die Annahmen hinter diesen Forderungen zu grossen Teilen fehlerhaft sind.

1. Annahme: Die Halbwertszeit des Wissens hat sich verkürzt.
Dieser Glaube ist weit verbreitet aber falsch. Praktisch das gesamte Wissen, welches in der Schule gelehrt und gelernt wird, ist grundlegendes Wissen, welches sich teils seit Jahrtausenden nicht mehr verändert hat.
Auf diesem Wissen baut berufsspezifisches Detailwissen, welches sich vielleicht tatsächlich verändert, auf. Dass Kinder und Jugendliche dieses Grundwissen aufbauen ist ein Beitrag, den die Schule an die Wirtschaft leisten kann und tut. Wer ein breites Allgemeinwissen, wer ein vertieftes Orientierungswissen hat, ist agil, flexibel, hat gesellschaftliche Teilhabe und kann auf ändernde Ansprüche der Wirtschaft reagieren. Tiefe (Jugend)arbeitslosigkeite und hohe Erwerbsquote sind die Folge.

2. Annahme: Nur intrinsische Motivation ist richtiges Lernen und bleibt im Gedächtnis, extrinsischer Druck demotiviert
Diese Aussage tönt einleuchtend, ist aber falsch. Entscheidend ist nicht der ursprüngliche Anreiz, sondern die Dauer und Intensität. Auch extrinsische Anreize können Interesse wecken.
Ich habe jahrelang ehrenamtlich gearbeitet (Junioren- und Aktivhandballtrainer, Hauptorganisator Juniorentrainingslager, Gemeindepolitik). Es wird tendenziell schwieriger, Leute für ehrenamtliches Engagement zu gewinnen. Oft muss mit extrinsischen Anreizen nachgeholfen werden. Warum dies in der Schule plötzlich anders sein soll, ist unklar.
Praktisch alle Spitzenleistungen basieren auf einer Mischung aus innerem Antrieb und äusseren Anreizen.

3. Annahme: Schule fördert Bulimielernen
Abgesehen von der völlig deplazierten Bezeichnung "Bulimielernen", ist die Aussage falsch.
Selbst wenn ein Teil vergessen geht, typischerweise kommen einem diese Teile rasch wieder in den Sinn. Sie gingen eben nicht vergessen, sie waren lediglich nicht mehr präsent.
Dies erlebe ich regelmässig, wenn ich mit Erwachsenen arbeite. Vieles aus der Grundbildung ist ihnen nicht mehr präsent. Wenn wir solche "vergessenen" Themen anschauen, kommt es ihnen rasch wieder in den Sinn. Die BM2 (Berufsmatura für Erwachsene) Lernenden verstehen ein Thema viel schneller als Lernende der Grundbildung, die denselben Sachverhalt zum ersten Mal hören.
Ausserdem gibt es Lernende, die eine Sache nicht vergessen.
Ausserdem steigt das Ansehen von Menschen, welche viel wissen. Wissen ist ein Wert an sich.

4. Annahme: "Alles, was automatisiert wird, wird automatisiert."
Diese Aussage ist richtig, ist aber nichts Besonderes. Strukturwandel läuft seit gut 300 Jahren und hat sich in den letzten 30 Jahren als Folge von Globalisierung und Digitalisierung beschleunigt. Der Satz soll wohl Alarmismus erzeugen: Wenn wir nicht sofort die Schule neu denken, zerstören wir die Zukunft unserer Kinder! Unsinn.

5. Annahme: Bewertungen und Selektion demotivieren Lernende
Diese Gefahr besteht, weshalb die Volksschule längst dazu übergangen ist, differenzierte Bewertungen und Rückmeldungen zu geben. Neben Querschnittsvergleichen werden längst auch persönliche Entwicklungen festgehalten. Leider werden Lehrpersonen für diese Mehrarbeit meist nicht entschädigt.

Rückmeldung kann bewirken, dass ein Jugendlicher einen realistischen Ausbildungsweg wählt.
Zu glauben, dies würde auch freiwillig passieren, ist naiv. Nicht selten werden Lehrpersonen von Eltern und ihren Anwälten unter Druck gesetzt, wenn Leistungen nicht klar bewertet sind und Empfehlungen nicht den Wünschen der Eltern entsprechen.
Wenig überraschend: Noten wurden nach Volksabstimmungen wieder eingeführt. Nicht Noten und Selektion setzten Kinder unter Druck. Oft sind es die Eltern. Oft respektieren die "Selektionsablehner" nur das Gymnasium. Deshalb ihre Forderung "Matura für alle".

Selbst wenn man die dreigliedrige Oberstufe abschaffen würde, gäbe es Selektion. Ein völlig individualisiertes System würde die Unterschiede wohl sogar noch vergrössern. Es heisst dann zwar nicht mehr Selektion, es ist aber offensichtlich, dass ein Kind mehr kann als ein anderes. Am Ende kriegen zwar alle ein Maturzeugnis "geschenkt" (Matura für alle), dieses ist aber nichts (mehr) Wert.

6. Annahme: Quervergleiche und Noten gibt es nur in der Schule, sonst nirgends.
Diese Argument ist derart absurd, dass ich jedesmal stocke, wenn ich es lese. Leute, die so argumentieren, mussten sich wohl noch nie um einen Job bewerben.
Gemäss Rückmeldungen aus der Erwachsenenbildung ist es gängige Praxis, dass bei Mitarbeitergesprächen die Zielerreichung mit "übertroffen", "erfüllt", "nicht erfüllt"  oder "sehr gut", "gut", "genügend" und "ungenügend" beurteilt wird. De facto Noten.

Irritierend ist, dass sogar Ausbildungsverantwortliche von Unternehmen Beliebigkeitsforderungen in sozialen Medien liken.
Sind das eigentlich dieselben Ausbildner, welche monieren, man fände keine guten Lernenden mehr, weil diejenigen, die sich bewerben, könnten weder einen Satz fehlerfrei schreiben, noch beherrschten sie den Dreisatz?
In meiner Erfahrung können fast alle Berufsleute den Dreisatz gut. Die Schule lehrt eben dieses beständige Wissen "Dreisatz", was der Forderung nach "Lerninhalten aus dem Leben der Kinder" zuwider läuft. Kaum ein 12-jähriger braucht den Dreisatz.
Im Übrigen werden längst praktische Bezüge vorgenommen.

Nehmen wir an, die Wirtschaft will wirklich nur noch Kompetenzen

Die heutigen Primarschülerinnen und -schüler werden in rund 60 Jahren pensioniert. Kein Mensch weiss, wie dann die Wirtschaft aussieht. Die Idee, die Schule müsste die Bedürfnisse der Wirtschaft befriedigen, ist absurd!
Welche Wirtschaft genau?
Die heutige Wirtschaft oder die Wirtschaft im Jahre 2060? KMU oder Multi?

Was getan werden muss, für die Kinder/Jugendlichen und die Wirtschaft

Was die Schule kann und auch sehr erfolgreich macht, ist das Vermitteln von grundlegender, beständiger Allgemeinbildung und sie kann mithelfen beim Aufbau von Orientierungswissen. Die Grundvoraussetzung für kritisches Denken. Weiter werden Kompetenzen wie Konzentrationsfähigkeit, Kreativität, Zusammenarbeit etc. geschult. Selbstorganisation wird mit Projekten gefördert.
Dies ist überhaupt nicht Neues!
Schulprojekte, Vorträge, Gruppenpräsentationen, Theateraufführungen, Mehrjahrgangsklassen etc. gibt es seit Jahrzehnten.
Sogar die Berufsschulen, welche nahe an der Wirtschaft sind, konzentrieren sich vor allem auf berufsspezifische, theoretische Grundlagen und Allgemeinbildung. Mehr dazu hier.
Übrigens: Jeder Sportverein, jedes Pfadilager, jede Jugendmusik kann Kooperation, Kreativität und Kommunikation besser vermitteln.

Es kommt tatsächlich vor, dass Kinder/Jugendliche in unserem Schulsystem "unter Wert" geschlagen werden. Gemessen an der Gesamtzahl ist die Zahl aber gering. Trotz individualistischer Gesellschaft ist die Zustimmung zur Volksschule hoch.

Wichtig ist, dass das Bildungswesen durchlässig ist. Nachholbildung, BM2, Passerelle, Höhere Fachschulen, Fachausweise etc. müssen gefördert, subventioniert und mit vernünftigem (finanziellen) Aufwand möglich sein. Nicht alle brauchen Matur, aber alle brauchen eine Chance auf Karriere.

Wenn ein Mitarbeiter wirklich mal zu wenig Kommunikationskompetenz oder zu wenig Kreativität hat, so gibt es bereits heute Schulen, die in Zusammenarbeit mit Berufsverbänden zielgerichtete Weiterbildungen anbieten. In sozialen Medien wimmelt es von Berater*innen, die gerne unternehmensinterne Weiterbildungen durchführen. Die Schule liefert dazu die Grundlage.

Dies sind die Ansätze für zeitgemässe Bildung und zeitgemässes Lernen.














Sonntag, 5. April 2020

Drei Wochen Schulschliessung, drei Wochen Fernunterricht - Weiterhin gute Gesundheit!

Und weiterhin gute Gesundheit! Mit diesem Satz verabschiedete ich diese Woche meine Klassen in die Frühlingsferien. Selbstverständlich trafen wir uns nur virtuell im Rahmen von Videokonferenzen auf Teams.

Die irritierende Stille der Videobesprechungen

Beziehungsarbeit zu den Lernenden ist schon im Präsenzuntericht nicht ganz einfach,wie hier geschrieben. Im Fernunterricht ist dies noch herausfordernder. Diese Woche wollte ich zusätzlich Videobesprechungen ausprobieren. Dabei wollte ich einerseits noch einmal fachliche Fragen thematisieren und anderseits das Fernlernen nach den Ferien "aufgleisen". Eine Konferenz erfolgte auf Wunsch der Lernenden, um theoretische Inputs direkt hören zu können.
Bei den Besprechungsterminen orientierte ich mich am Stundenplan, weil die Lernenden grundsätzlich am Arbeiten und deshalb nicht permanent verfügbar sind.

In der ersten Besprechung befolgt ich die üblichen im Internet kursierenden Tipps: Kamera und Mikrofon abschalten und über die Chatfunktion melden. Die meisten Lernenden wollten die Kamera ohnehin nicht angeschaltet haben. Aber es irritierte mich, dass auf Äusserungen niemand reagierte. So ernannte ich bei den weiteren Besprechungen jeweils eine Referenzperson, die das Mikrofon offen hatte und bestätigte, dass die Klasse sah und hörte, was ich glaubte, würde sie sehen und hören. Wer etwas sagen wollte, sollte einfach Mikro öffnen und losreden.
Fragen und Bemerkungen gab es trotzdem wenige. Da ich bereits vorher zeitnah Fragen beantwortete und Lervideos zur Verfügung stellte. Ferner vermute ich, dass die heutigen Jugendlichen nicht gerne telefonieren, sondern schriftlich kommunizieren.

So dürfte es gehen - jedenfalls eine Weile lang

Die Kombination aus schriftlichen Hinweisen und Übungen, die Lernvideos und die Beantwortung individueller Fragen, die Rückmeldungen zu Prozess, Befindlichkeit und fachlichen Fortschritten, sowie schliesslich die Viedeobesprechungen, ermöglichte es den Lernenden, sich Orientierungswissen aufzubauen, und mir, Kontakt zu den Lernenden zu halten. Vor allem aber handelt es sich um selbstständige Lernende mit entsprechender technischer Ausrüstung. Ohne diese beiden Vorbedingungen, ist Fernunterricht schwierig.

So aber, sollte ein sinnvoller Fernunterricht noch ein paar Wochen möglich sein. Langfristig ersetzt er Präsenzlernen nicht, kann es aber ergänzen und allenfalls effektiver machen.

Es muss gesagt werden, dass sich nicht alle Themen gut für Fernunterricht eignen. Insbesondere wenn Zusammenhänge sehr komplex sind, wären Präsenzveranstaltungen sinnvoller. Bleiben die Schulen noch lange geschlossen, werden auch solche Themen behandelt werden müssen.

Eine Frage muss/darf offen bleiben: Die Prüfungen

Und schliesslich fanden keine Leistungsbewertungen statt. Zwar gibt es diverse Ansätze für Bewertungen in Fernkursen, trotzdem ist dies in wissensbasierten, erklärenden Fächern wie Wirtschaft und Recht eine Herausforderung. Lernprodukte, Vorträge oder Planspiele können vertieftes Orientierungswissen nur teilweise überprüfen. Hier bleibt die klassische Einzelprüfung bedeutsam, jedenfalls wenn man weiterhin ein hohes Fachniveau in der kaufmännischen Berufsausbildung als Grundvoraussetzung für leistungsfähige, flexible Arbeitskräfte haben will.

Weiterhin gute Gesundheit!

Montag, 30. März 2020

Zwei Wochen Schulschliessung, zwei Wochen Fernunterricht - Erfahrungen der zweiten Woche

Fragen beantworten, mit Lernenden chatten und Rückmeldungen geben. Die zweite Woche Fernschule ist vorbei und ich habe vor allem versucht den Kontakt zu den Lernenden aufrecht zu halten. Dies war ein Ziel der Woche, welches ich letzte Woche hier formulierte.

Interessante Zwischenstandsberichte der Lernenden

Dazu verwendete ich neben dem Teams-Forum und Chatroom auch Aufgaben, in Form von Repetitionsquizen, welche ich mit Forms auf Teams gestellt haben und ich eröffnete ein Kursnotizbuch, in welches die Lernenden ihre Zwischenstandsberichte eintragen konnten. Einige verwendeten dann trotzdem E-Mail, weil Ihnen das Kursnotizbuch zu wenig vertraut war.
Obwohl wir keine Eingewöhnungszeit hatten, haben die meisten Lernden die Software Teams gut kennengelernt und können gut damit umgehen. Sie nutzen verschiedene Kanäle für Fragen, die Arbeiten kommen gut voran. Bei Unsicherheit fragen sie nach. Teilweise helfen sich die Lernenden offenbar auch gegenseitig.

Das Spektrum der Lernenden-Rückmeldungen ist gross und reicht von einem halben Satz "alles in Ordnung, Danke" bis zu ganzen A4 Seiten, auf welchen neben fachlichen auch persönliche Befindlichkeiten angesprochen werden oder das Organisatorische thematisiert wird. Positiv wurden immer wieder die Lernvideos genannt.
Ich gab jeweils jeder/m Lernenden eine kurze Rückmeldung. Dies war recht zeitintensiv aber wohl doch sinnvoll. Ausserdem erhielt ich organisatorische Hinweise, die ich gleich umsetzen konnte.
Da die gesamte Kommunikation elektronisch läuft, können Rückmeldungen und Aufgaben sogar eher besser "kontrolliert" werden. Forms beispielsweise gibt automatisch Rückmeldung, wer, wann einen Auftrag angeschaut und/oder gelöst hat.

Selbstorganisation scheint zu funktionieren

Generell hat sich der Fernunterricht recht gut etabliert. Es scheint, dass die Lernenden gut unterwegs sind. Ich orientiere mich insofern am Stundenplan, als dass ich die Aufträge, Mitteilungen, Informationen den Klassen jeweils am Abend vor den Tagen, an denen die Lernenden Schule haben, veröffentliche. Gerade für berufsbegleitende Lernende ist dies wichtig.
Es scheint aber nicht nötig zu sein, den Stundenplan so einzuhalten, dass ich jeweils, wenn eigentlich die Lektion begänne, alle Lernende elektronisch kontaktiere bzw., dass sie sich melden müssen. Asynchrones Lernen ist ja eine der Stärken von Fernkursen. Es bedingt Selbstorganisation und Selbstdisziplin und ist somit recht anspruchsvoll. Es scheint, dass die Lernenden damit umgehen können.

In der nächsten Woche will ich Videokonferenzen durchführen, weil diese einerseits wiederum den Kontakt zu den Lernenden herstellen und wohl weniger zeitintensiv wie schriftliche Rückmeldungen sind, und anderseits offene Fragen fachlicher und organisatorischer Art rasch besprochen werden können. Einige Lernende äusserten sich bereits positiv zu möglichen Videokonferenzen. Ausserdem weiss ich von einigen Kolleginnen und Kollegen, die solche bereits erfolgreich durchgeführt hatten. Die Videokonferenzen habe ich zu Zeiten angesetzt, wenn die Lernenden eingentlich bei mir Lektionen hätten.

Wie es mit den Videokonferenzen läuft, wird sich in der kommenden Woche zeigen. Bis Ende Woche weiss man hoffentlich auch, ob die Schulen nach den Frühlingsferien am 20. April wieder geöffnet werden können.

Montag, 23. März 2020

Eine Woche Schulschliessung, eine Woche Fernunterricht - Erfahrungen und Ausblick

Lernvideos habe ich erstellt, elektronisch Aufgaben erteilt und mit Lernenden kommuniziert. Seit einer Woche, denn Präsenzlektionen sind verboten. Doch die Schule muss weitergehen.

Glücklicherweise haben alle Lernenden Zugang zu Office 365 und alle haben Zugang zu einem Computer oder Smartphone. Die Lernziele sind an Berufsschulen vorgegeben, was die Didaktik einschränkt. Hier schrieb ich dazu.
 
Unterlagen, Aufgaben und Lernvideos

Ich habe Erfahrung mit SOL-Projekten und bin technisch bewandert. Da ich vor einiger Zeit bei Fobizz einen online-Kurs zu Handyvideos absolvierte, beschloss ich, meine Lerninputs als kleine Videos zur Verfügung zu stellen.

Den Klassen teilte ich mit, dass wir über "Microsoft Teams" kommunizieren, legte Dateien, Aufgaben und teilweise Mustelösungen ab und sagte, dass die Lernenden Fragen im Teamsforum stellen sollten, damit ich die Antwort gleich allen geben kann.
Natürlich dürfen sich die Lernenden bei Fragen melden.

Ich erstellte Lernfilme und stellte diese auf "MS Stream". Nach ein paar Startschwierigkeiten entstanden ansehnliche Filme.

Die Lernenden scheinen die Videos zu mögen, die Klickzahlen sind gut. Der Vorteil solcher Filme ist, dass man sie immer wieder, im eigenen Tempo anschauen kann.

Ziele für die nächste Woche

Es scheint, dass die Lernenden daran sind, sich die Themengebiete zu erarbeiten und bei Unsicherheiten nachzufragen.

Aber es ist schwierig, den Kontakt zu den Lernenden zu halten. Allerdings ist das Kontakthalten mit einer Klasse in einer Berufsschule, bei zwei bis vier Lektionen pro Woche mit derselben Klasse, auch bei Präsenzlektionen schwierig.
Lernfortschritte können online nur schwer beobachtet werden, was aber auch bei Präsenzlektionen schwierig ist.
Missverständnisse passieren online dagegen häufiger bzw. bleiben deutlich länger unentdeckt als bei Präsenzveranstaltungen. Auch technische Probleme können auftreten und die Lernenden vom Lernen abhalten.
Ferner muss ich aufpassen, dass ich bei sechs verschiedenen Klassen nicht den Überblick verliere, welcher Klasse, ich bis wann, welchen Auftrag, in welcher Form, erteilt habe.

In der zweiten Woche will ich versuchen, mehr Kontakt herzustellen und mir der Gefahr von Missverständnissen noch bewusster zu sein.
Dazu habe ich einerseits per Mail die Lernenden aufgefordert mir einen Zwischenstandsbericht abzugeben, anderseits habe ich auf "Teams" mit Hilfe von "MS Forms" Aufgaben und Quize erstellt. So erhalte ich Hinweise, wie die Lernenden vorwärts kommen.
Allenfalls werde ich noch eine Telefonkonferenz machen.

Die Lernvideos behalte ich bei und werde sie wohl auch in Zukunft als Lektionenvorbereitung nutzen. Bisher zögerte ich, weil ich nicht voraussetzen konnte, dass alle Lernenden Zugang zu den notwenigen technischen Hilfsmittel haben.

Zukünftige Entwicklung

Seit einiger Zeit vermute ich, dass selbstorganisiertes Lernen in der Sekundarstufe 2 an Bedeutung gewinnen wird und Präsenzveranstalltungen quantitativ ab-, aber qualitativ zunehmen werden. Vor einiger Zeit habe ich dies hier angesprochen.

Denkbar ist, dass Klassen mit bspw. 25 Lernenden fünf Gruppen bildet. Statt, dass die Klasse an vier Lektionen pro Woche im Unterricht ist, arbeiten die Gruppen an drei Lektionen alleine. Jede zweite Woche findet eine Lektion für Fragen, Austausch und Prüfungen in der Klasse statt.  Dazwischen gibt es Treffen zwischen den Gruppen und der Lehrperson und die Lernenden stehen elektronisch mit den Lehrpersonen in Kontakt. Die Lektionenzahl nimmt für die Lehrpersonen nicht ab, die Effektivität aber zu.
Allenfalls kann dieser Wissensaufbau mit kreativen Elementen, wie Lernfilmen etc. angereichert werden. Man muss aufpassen, dass sich diese Aufgaben nicht tot laufen, wenn die Lernenden plötzlich in allen Fächern solche Anfertigungen machen müssen. Mehr dazu habe ich hier geschrieben.

Insbesondere bei BM2 Lernenden (Berufsmatura für Erwachsene) sind solche Modelle denkbar. Bei Lernenden der Grundbildung und in der Volksschulstufe, sind solche Modelle eher als Ergänzung zum herkömmlichen Unterricht zu sehen.

Denn die soziale Interaktion zwischen Lehrpersonen und Lernenden und zwischen den Lernenden selbst, ist in Präsenzlektionen eindeutig höher als in online-Treffen. Klassenverbände geben den Lernenden Orientierung. Sozialkontakte und Freundschaften finden innerhalb der Klassenverbände statt. Aber auch die Pausen in den Schulen können Sozialkontakte fördern
Schliesslich ist zu beachten, dass nicht alle Lernenden zu Hause das Lernumfeld finden, das sie bräuchten.

Wissen und Konzentrationsfähigkeit bleiben die Grundlagen für die "4-K"

Wichtig ist, dass nicht unter dem Deckmantel von SOL, digitaler Transformation und angeblich "zeitgemässer Bildung" unwissenschaftliche, thematische Beliebigkeit eingeführt wird. Lerninhalte und Wissensaufbau als Grundlage für echtes krtisches Denken, und echte Teilhabe am sozialen Leben, bleiben im Internetzeitalter mit alternativen Fakten und Fake News zentral. Dazu, und was meines Erachtens wirklich "zeitgemässe Bildung" und "zeitgemässes Lernen" ist, habe ich mehrfach geschrieben. Beispielsweise hier oder hier.


Dienstag, 21. Januar 2020

Chancen und Gefahren der Digitalisierung für "zeitgemässe Bildung"

"Zeitgemässe Bildung" ist eine Bildung, welche die Menschen befähigt, sich in einer komplexen Welt zu orientieren, sich einzubringen und mitzudenken. Dies bedingt Orientierungswissen, Handlungskompetenzen und Chancengleichheit.

Digitalisierung ist bei "zeitgemässer Bildung" nur ein Teil. Sie steht aber in vielen Diskussionen im Fokus.

Digitalisierung als Deckmantel

Digitalisierung für "zeitgemässe Bildung" kämpft gegen diverse Widerstände. Neben den bekannten rechtlichen und finanziellen Problemen, sowie den Bewahrern in den Lehrerkollegien und Schulleitungen, bedroht eine weitere Gruppe einen sinnvollen Einsatz digitaler Medien im Bildungswesen: Die Leistungsschulabschaffer*innen und Beliebigkeitsapologet*innen.

Unter dem Deckmantel der Digitalisierung wollen sie das leistungsorientierte Bildungswesen durch Beliebigkeit ersetzen. Framing beherrschen sie gut, sie reden gerne von "zeitgemässer Bildung", "freiem Lernen", "persönlicher Bildung" und "Kulturwandel" (wer ist da schon dagegen?), meinen aber nur Beliebigkeit und Bewertungsabschaffung. Sie sind in den sozialen Medien gut vernetzt und - was wesentlich beunruhigender ist - sie besetzen einflussreiche Positionen an pädagogischen Hochschulen, arbeiten als Didaktikdozenten*innen, oder haben lukrative Beratungsmandate im Bildungswesen.

Es handelt sich um Leute, welche alles ablehnen, was irgendwie nach Leistung, Lehrplan und Bewertung aussieht. Ihre Meinungen vertreten sie mit sektiererischem Eifer. Die extremsten Wirrköpfe sehen in leistungsorientierten Schulen die Ursache für Mobbing oder Neoliberalismus. Sie glauben, dass Wissen, Lernen verhindere. Sogar der Klimawandel soll die Schuld der Schule sein.

Da soziale Medien "Vielposter" belohnen und Blender, Sektierer und andere Ahnungslose sich gegenseitig liken, faven und teilen, erreichen sie grosse Reichweiten, was wiederum ihre Glaubwürdigkeit erhöht. Für Laien und oberflächliche Leser*innen entsteht der Eindruck von Sachverstand.

Die vier Typen von Leistungs- und Bewertungsgegner

Was treibt diese Leute an? Es gibt vier Typen:

1. Die Naiven: Sie glauben wirklich, dass die Abschaffung von Leistung und Bewertung die Chancengleichheit erhöht. Tatsächlich gibt es diverse Studien, die zeigen, dass Bewertung Nachteile hat. Diese deshalb aber abschaffen, verstärkt das Problem. Die Wirtschaft würde solche Bewertungen nachholen (Assessments) und die Unis würden Aufnahmeprüfungen einführen. Mehr dazu hier.

2. Die Frustrierten : Sie haben genug von den ewigen Diskussionen und Streitereien mit "Kampfeltern" und deren Anwälte. Sie glauben, ihre Lebensqualität würde ohne Leistungs- und Bewertungsdruck steigen.
Diese Haltung ist verständlich. Schulleitungen, Schulkommissionen und Erziehungsdirektionen wären gefordert, den Lehrkräften den Rücken zu stärken, was zu oft nur ungenügend passiert.

3. Die "Kommunist*innen" (in sozialen Medien besonders aktiv): Ihnen ist klar, dass ein auf Leistung und Konkurrenz basierendes Gesellschafts- und Wirtschaftssystem Bewertung, Leistung und Selektion in der Schule braucht. Aber sie lehnen das System ab (den eigenen Hochschuledozenten- oder Gymnasiallehrerlohn nehmen sie natürlich gerne) . Sie glauben, ohne Konkurrenz und Leistung in der Schule, werde ein neuer Mensch entstehen, welcher den Kapitalismus überwinden wird. Kommentar überflüssig.

Dazu gesellt sich eine vierte Gruppe: Die Eltern. Sie hören all die Horrorszenarien bezüglich wirtschaftlicher Zukunft und wollen deshalb für ihr Kind nur das Beste: einen Hochschulabschluss. Könnte nun der Sprössling, dieses Ziel nicht erreichen, bricht Panik aus. Viel einfacher wäre es da (scheinbar), wenn Leistung und Selektion durch beliebige Projekte und Kompetenzen ersetzt würden. (Aber Achtung: Was unter "1. Die Naiven" gesagt wurde, gilt natürlich immer noch).

Die Chancen, der Digitalisierung

Digitale Transformation heisst sinnvollerweise, dass man Wissensaufbau mit digitalen Hilfsmittel unterstützt und zusätzlich gleich weitere Kompetenzen fördert. Diese Medien bieten eine Reihe von Chancen. Einerseits für aktuellen, interaktiven und kollaborativen Wissensaufbau, und anderseits für Lernarten wie PBL und SOL, womit neben fundiertem Orientierungswissen als Grundlage, weitere Kompetenzen (21st Century Skills) geschult und gefördert werden können.
Ferner kann SOL auch eine Möglichkeit bei unkonzentrierten Klassen bzw. Disziplinarproblemen bei Frontalunterricht sein. Mehr dazu hier.

Wichtig ist, dass diese Projekte nicht beliebiger Selbstzweck sind, sondern klare Lern- und Leistungsziele haben. Auch Bewertungen gehören dazu.

Beliebigkeit zerstört Chancengleichheit 

Völlig abwegig ist die Vorstellung, Digitalisierung verlange totale Beliebigkeit, d.h. keine Leistungsziele, keine Lehrpläne, keine Bewertungen.

Der Glaube, Digitalisierung mache Leistung und Orientierungswissen obsolet, zeugt von wenig Sachverstand (eigentlich beweisen solche Vorstellungen die Notwendigkeit von Schulen).

Beliebigkeit  zerstört das Bildungswesen. Zahlungskräftige und bildungsnahe Eltern könnten auf Privatschulen und Homeschooling ausweichen. Chancengleichheit geht den Bach runter.

Frontalunterricht, SOL und Lehrpersonenzentrierung

Oft hört man SOL funktioniert nur bei leistungsstarken Lernenden. Die entspricht nicht meiner Erfahrung. SOL kann Disziplinprobleme reduzieren.

Frontalunterricht ist effizient aber anstrengend

Wenn das Ziel des Unterricht Aufbau von Orientierungswissen ist, ist Frontalunterricht eine effiziente Methode, sofern die Lernenden konzentriert zuhören und bspw. Notizen machen und Nachfragen stellen. Aussredem zeigt sich immer wieder, dass die Lernenden Frontalunterricht gerne mögen.
Weitere Kompetenzen, wie Kollaboration oder Kreativität können allerdings nicht gefördert werden. Bei berufsbegleitenden Kursen etwa in der Erwachsenen ist das auch nicht nötig, da die Kursteilnehmenden gezielt eine Lücke in ihrem Kompezenzportfolio schliessen wollen. Mehr dazu hier.
Wenn die Lernenden eher unkonzentriert sind, funktioniert Frontalunterricht schlecht. Im besseren Fall träumen die Lernenden vor sich hin, im schlechteren stören sie den Unterricht. Lernen findet nicht wirklich statt, Details verstehen sie nicht.

SOL als sinnvoller Kompromiss gegen Disziplinprobleme

In solchen Fällen können kleine SOL Projekte sinnvoll sein. Mit klaren Aufgaben und Zielen übernehmen die Lernenden die Verantwortung für ihr Lernen. Da diese Form aber mehr Zeit braucht und die Details oft weniger verstanden werden, wie wenn konzentrierte Lernende frontal beschult werden, ist diese Methode ineffizienter und somit eigentlich ein Kompromiss. In beiden Fällen steuert aber die Lehrperson, weshalb man beide Arten als lehrpersonenzentriert bezeichnen kann.

SOL kann natürlich auch ganz bewusst zum Wissenserwerb in Kombination mit weiteren Kompetenzen verwerndet werden. Mehr dazu hier.